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Gesundheit
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Veröffentlicht am 18.07.2022

Da geht noch was: Alles eine Frage der Gene?

Autorin Mechthild Rex-Najuch widmet sich in unserer Kolumne “Da geht noch was” der Frage, wie “gutes Altern” gelingen kann.

Frau mit grauem Haarzopf von hinten

Gutes Altern: Es liegt nicht nur an den Genen. Bildnachweis: iStock/Halfpoint

Autorin Mechthild Rex-Najuch widmet sich in unserer Kolumne "Da geht noch was" der Frage, wie "gutes Altern" gelingen kann. Die Heilpraktikerin, Dozentin und Speakerin will dazu inspirieren, einem neuen Konzept für das Altern zu folgen oder es individuell selbst zu erschaffen.

Viele Menschen glauben, Altern sei eine Frage der Gene. Oberflächlich betrachtet stimmt das auch. Unsere Gene liefern die vielen Vorschriften, die für den Körper wichtig sind, um sich zu entwickeln. Jeder trägt Gene von seinen Vorfahren in sich, auch wenn er diese nicht alle kennt oder von ihnen weiß. Aus den genetischen Anteilen unserer Eltern bilden sich individuelle Kombinationen, die unsere biologischen Voraussetzungen entscheidend gestalten. Auch Erkrankungen häufen sich in vielen Familien oder auch das Alter, das durchschnittlich erreicht wird. Einer meiner Patienten sagte nach erfolgreich überstandener Hüftoperation: „Jetzt kann ich in Ruhe 85 werden.“ Auf meine verblüffte Frage, warum 85, antwortete er: „Alle Männer in meiner Familie werden so alt.“ Hier kommt die Erfahrung ins Spiel. Als die Schmerzen seiner Arthrose unerträglich geworden waren, hatte er sich das Alter 85 nicht vorstellen können. Damals war er gerade erst 63. Jetzt kann er es, weil er eine andere, aktivere Lebensart pflegen kann. Alles trägt dazu bei, wie er altert: seine Erfahrung, sein Lebensstil und seine Gene. Schauen wir uns das genauer an.

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Telomere sind die Enden der Chromosomen. Bildnachweis: iStock/Rost 9D

Macht Alter die DNA immer defekter?

Nein, so kann man das nicht sagen. Die DNA hat die Fähigkeit, sich selbst zu reparieren. Reparatur- und Schutzwerkzeuge sind beispielsweise die Telomere. Man könnte sie mit den Plastikkappen an Schnürsenkeln vergleichen, die die Ausfransung des Schnürsenkels verhindern. So sorgen Telomere für Stabilität in der DNA und helfen gleichzeitig dem DNA-Reparaturapparat, die gesunden Chromosomen von beschädigten zu unterscheiden. Ein wesentliches Werkzeug für Regeneration und gesunde Zellteilung.

Welche Wirkung haben die Telomere auf das Altern?

Welche Aufgabe haben Telomere für den Alterungsprozess? Sie sind Teil der natürlichen Ausstattung, die uns Korrektur und Regeneration erlaubt. Mit jeder Zellteilung werden die Telomere kürzer. Je kürzer sie werden, desto eher können die Gene geschädigt werden, bis die Zelle ganz aufhört, sich zu teilen. Eine Reparatur ist dann nicht mehr möglich. Die Zelle erneuert sich nicht mehr, kann ihre Aufgaben schlechter erfüllen und – altert. Kommt Ihnen das bekannt vor? Diese Erkenntnis prägt unsere Vorstellung davon, was Alter bedeutet: reduzierte Funktion. Aber sind wir dem wirklich ausgeliefert? Irgendwie ja und irgendwie nein. Erlauben Sie mir, den Mechanismus zu erklären, bevor ich zu einer praktischen Handhabung komme.

Was bedeutet die Länge der Telomere?

Aus Sicht der DNA sind also lange Telomere wichtig, um gesund zu bleiben. Allerdings gibt es mehr Einflüsse auf Gesundheit als nur das Erbgut. Aus medizinischer Sicht werden kurze Telomere mit dem Risiko verknüpft, chronisch zu erkranken. So begünstigen kurze Telomere beispielsweise die Entstehung von Alzheimer und Krebs. Ich weiß, das klingt alles nicht sehr beruhigend. Aber wir sind ja noch nicht am Ende der Betrachtung angelangt.
Erinnern Sie sich an die Notwendigkeit, wissenschaftliche Daten mit Erfahrung zu verbinden und sie als Teil eines Gesamtbildes zu werten (Da geht noch was, Folge 1)? Das wenden wir jetzt gemeinsam an. Denn: Da die Telomerlänge wissenschaftlich ausschließlich unter dem Aspekt der Krankheitsrisiken untersucht wird, gibt es auch nur Aussagen über Krankheit. Genauso wichtig sind aber die Aspekte zum Thema von Gesundheit. Und hier kommt wieder unser Einfluss ins Spiel.

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Guter Einfluss: "Wenn wir uns also mit Freude daran machen, körperlich und geistig für uns zu sorgen und entsprechend aktiv zu sein, haben wir nur die Vorteile langer Telomere zur Verfügung", so Rex-Najuch. Bildnachweis: iStock/Ridofranz

Hat die Lebensführung Einfluss auf die Telomere?

Zunehmendes Alter, Genetik, ungesunde Lebensweise und starker psychischer Stress tragen zur Verkürzung der Telomere bei. Umgekehrt führt eine gesunde Lebensweise mit körperlichem und mentalem Training zu einer Verlängerung der Telomere. Sie haben richtig gelesen. Für die Entdeckung des zuständigen Enzyms bekam die Forscherin Elizabeth Blackburn im Jahr 2009 einen Nobelpreis für Medizin. Telomerase heißt das Zauberenzym. Könnte man es einnehmen und alles wäre gut? Die Forschung zeigt, das es damit nicht getan ist. Vielmehr ist die Zufuhr von Telomerase auch risikobehaftet und kann Krankheit gar begünstigen. Das Enzym macht die Telomere zwar länger, aber gleichzeitig erhöht sich auf diese Weise dann trotz langer Telomere das Krankheitsrisiko. Unser Verhalten hat diesen negativen Effekt nicht. Wenn wir uns also mit Freude daran machen, körperlich und geistig für uns zu sorgen und entsprechend aktiv zu sein, haben wir nur die Vorteile langer Telomere zur Verfügung.*

Wirken Telomere auf die Neuroplastizität?

Verblüffenderweise spiegelt sich die Veränderung der Telomerlänge auch im Gehirn, und zwar unmittelbar. Erinnern Sie sich an das Prinzip der Neuroplastizität (Da geht noch was, Folge 1)? Es beschreibt den Mechanismus der Anpassung des Gehirns an Veränderung. Neuroplastizität und Telomere sind direkt miteinander verknüpft. Je länger Ihre Telomere sind, desto dicker ist Ihre Großhirnrinde. (1) Und das wiederum gilt als Zeichen für Jugend. Die Anpassung unseres Gehirns ist durch körperliche und geistige Aktivität stimulierbar. Unsere Lebensführung kann uns also altern lassen oder uns verjüngen. Ein weiterer Grund, aktiv das eigene Verhalten zu gestalten. Dabei ist der Umgang mit Stress von wesentlicher Bedeutung.

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Stress! Anhaltende Cortisolausschüttung belastet die Telomere. Bildnachweis: iStock/Anthony Boulton

Alles nur eine Frage der Bewertung?

Zusammen mit der Psychologin Elissa Epel begann Elisabeth Blackburn schon im Jahr 2000, also lange vor ihrem Nobelpreis, eine mehrjährige Untersuchung an Frauen, die unter Stress standen. Epel stellte die Frage, ob sich die Telomere nicht nur bei alten Menschen, sondern auch bei jungen Frauen unter Stress verkürzen. Blackburn erzählt bei Ted Talk (2), wie sie so einen vollkommen neuen Blick auf Telomere bekam. Denn es gab Frauen, die ihre kranken Kinder pflegten und verkürzte Telomere aufwiesen, und solche, die unter ähnlichen Bedingungen lange Telomere behielten. Was war der Unterschied? Tatsächlich die Bewertung. Die Frauen, die ihre Situation nicht als Bedrohung, sondern als Herausforderung einordneten, hatten längere Telomere. Darüber hinaus erwies sich die Telomerelänge als veränderlich! (3) So konnte Blackburn beweisen, dass die Bewertung eine günstige Wirkung auf die Telomerlänge hatte. Bereits nach einem Monat waren Verbesserungen erkennbar. Wie kann das sein? Nun, die Antwort Ihres Körpers auf die innere Haltung einer Situation gegenüber ist die Ausschüttung von Hormonen.

Ist Stress an allem schuld?

Wieder eine Frage, die ich mit Ja und Nein beantworte. Negative Reaktionen unter Stress erhöhen anhaltend die Cortisolausschüttung. Das belastet die Telomere. Kurze, energiespendende Cortisolausstöße hingegen, wie sie bei kurzfristigem Stress entstehen, belasten sie nicht. Diese erfolgen, wenn die Stresssituation eher als positive Herausforderung begriffen wird, wie es bei den Frauen im obigen Beispiel der Fall gewesen war. Hier zeigt sich das eng verzahnte Zusammenspiel zwischen physischem und psychischem Einfluss. Wie man das üben kann, beschreibe ich beim nächsten Mal. Für heute nur so viel: Die Wortwahl hat mehr Bedeutung, als allgemein angenommen wird. Also wählen Sie Ihre Worte über Ihren Zustand und Ihr Alter mit Bedacht und beobachten Sie die Wirkung. In der erwähnten Studie war es der Unterschied zwischen Bedrohung und Herausforderung. In Ihrem Leben spielen andere Worte eine Rolle. Der Trick besteht darin, sie zu finden.
Zusammengefasst: Egal, ob mentales oder physisches Training, Sie tun sich in jedem Fall einen Gefallen, wenn Sie trainieren. Alles, was gesund ist, wirkt sich unmittelbar aus, selbst an der DNA. Auf diese Weise wird Ihr Leben nicht unbedingt länger, aber die Spanne, in der Sie gesund sind, wird größer.

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Selbstreflexion: Welche Worte benutzen Sie rund um das Thema Altern? Bildnachweis: iStock/Maria Petrishina

Inspirationen für den Alltag

Hier kommt die nächste Aufgabe, für die sich das Aufschreiben Ihrer Erfahrung lohnt. Sie beschäftigt sich mit den Worten, die Sie rund um das Thema Altern benutzen. Beobachten Sie, welche Wirkung diese Worte auf Sie haben. Denn auch das gehört zu Ihrem Lebensgefühl dazu.

Praktische Übungen

Thema: Der eigene Umgang mit Alterung
Wie gehen Sie mit den Begriffen rund um das Alter um? Was beschäftigt Sie, wenn Sie diese Worte hören? Schreiben Sie diese ersten Eindrücke auf. Versuchen Sie, diese Assoziationen durch eine andere Wortwahl positiv zu verändern, und schreiben Sie auch diese Erfahrungen damit auf. Listen zu führen, ist dabei eine bewährte Strategie. Was tun Sie gegen das Altern? Kosmetika? Bewegung? Wie viele Aufgaben bewältigen Sie am Tag nur, um jünger zu wirken? Könnten Sie diese Dinge mit Freude verbinden?

Quellen:
(1) Lara M.C. Puhlmann, Sofie L. Valk, Veronika Engert, Boris C. Bernhardt, Jue Lin, Elissa S. Epel, Pascal Vrticka, Tania Singer
Association of Short-term Change in Leukocyte Telomere Length With Cortical Thickness Change and Outcomes of Mental Training Among Healthy Adults. JAMA Network Open 2019;2(9): e199687
(2) Elizabeth Blackburn: The science of cells that never get old | TED Talk, Link vom 28.03.2022
(3) The Telomere Effect: A Revolutionary Approach to Living Younger, Healthier, Longer by Elizabeth Blackburn and Elissa Epel is published by Orion Spring

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