Gesundheit

Die zehn häufigsten Rückenerkrankungen

Rückenschmerzen und Rückenerkrankungen verstehen und einordnen

Etwa die Hälfte der Bundesbürger leidet unter Rückenschmerzen und Rückenerkrankungen. Beschwerden der Wirbelsäule sind die häufigste Ursache für Frühinvalidität. Längst nicht jede Diagnose muss dabei zwangsläufig in einer Operation enden. Wichtig ist für Betroffene zunächst die Diagnose und dahinter steckende Ursachen für Rückenerkrankungen zu verstehen, um sich gezielt für eine sinnvolle Therapie zu entscheiden. 

Eine Diagnose, und dann?

Wenn Sie vom Arzt eine Diagnose für Ihre Rückenprobleme erhalten haben, sollten Sie zunächst verstehen, was diese genau bedeutet. "Medizinerlatein" ist für Laien nicht immer ganz einfach, daher will dieser Beitrag eine Hilfestellung zum besseren Verständnis der zehn häufigsten Diagnosen und Ursachen für Rückenschmerzen geben.

Eine der nachfolgend aufgeführten Rückenerkrankungen mit organischer Ursache zu haben bedeutet nicht zwangsläufig, dass Sie operiert werden müssen beziehungsweise, dass Ihre Schmerzen durch eine Operation gelindert werden. Vielfach lassen sich mit der Veränderung des Lebensstils, mehr Bewegung oder Gewichtsabnahme gleichwertige Resultate erzielen.

Häufige Rückenerkrankung: Die Illustration zeigt einen Bandscheibenvorfall. Bildnachweis: AdobeStock/Judith

Bandscheibenvorfall/Bandscheibenvorwölbung

Bei einem Bandscheibenvorfall verschiebt sich der Gallertkern, die weiche Masse im Inneren der Bandscheibe, in Richtung Fasergewebe, das ihn ringförmig umhüllt. Ein elastischer Faserring hält den Kern in der Mitte, ein brüchiger bewältigt diese Arbeit nicht mehr. Die Folge: Der Gallertkern dringt immer weiter in den Faserring und wölbt ihn nach vorn. Durchbricht er ihn, spricht man von einem gedeckten Bandscheibenvorfall. Zerreißt das schützende Längsband, kann der Gallertkern in den Wirbelkanal fallen. 

Was die Lage des Bandscheibenvorfalls betrifft, so unterscheidet man zwischen mittig (medial), halbmittig (mediolateral), seitlich (lateral), im Nervenaustrittspunkt befindlich (intraforaminal) und hinter dem Nervenaustrittspunkt gelegen (extraforaminal).

Je weiter seitlich sich der Bandscheibenvorfall befindet, umso weniger schmerzt der Rücken und umso stärker strahlt der Schmerz ins Bein oder in den Arm. Oft spürt der Betroffene dort ein Kribbeln, Ameisenlaufen oder eine Muskelschwäche.

Je weiter mittig der Vorfall liegt, desto eher kommt es zu Rückenschmerzen und desto weniger zu einem Ausstrahlen der Schmerzen ins Bein oder in den Arm. Dann drückt der Gallertkern auf den Spinalnerv im Rückenmarkskanal. Der Schmerz entsteht aber nicht allein durch den Druck, sondern durch Botenstoffe, die sich aufgrund der einsetzenden Entzündungsreaktion an den Nerven bilden.

Bandscheibenvorfälle und -vorwölbungen treten ab dem 20. Lebensjahr auf. Hauptsächlich tritt diese Rückenerkrankung jedoch zwischen dem 40. und dem 60. Lebensjahr auf.

Blockierung

Ist ein Muskel über einen längeren Zeitraum angespannt, kann das zu einer Blockierung, einer Wirbelfehlstellung führen. Dabei kommen sich die kleinen Gelenkflächen der Wirbelgelenke zu nah. Auslöser für diese Rückenerkrankung kann sowohl die Überlastung einer zu schwachen Muskulatur sein als auch Muskelverspannungen, die chronische Fehlbelastungen entstehen ließen. Wenn Sie eine Blockierung haben, fühlen Sie sich steif, Sie können bestimmte Bewegungen nicht mehr ausführen und haben Muskel- und Nervenschmerzen, die manchmal bis in die Arme und Beine ziehen. Drückt man auf bestimmte Punkte in der Muskulatur, tut das sehr weh.

Schmerz lass nach: Nicht immer muss bei einer Rückenerkrankung operiert werden. Bildnachweis: iStock/stefanamer

Facettensyndrom/ Spondylarthrose

Diese Rückenerkrankung wird auch Facettengelenksarthrose genannt: Aufgrund von Abnutzung kann es im Bereich der Hals- oder Lendenwirbelsäule zu einer Arthrose in den kleinen Zwischenwirbelgelenken, (Facettengelenke genannt) kommen. Die durch Verschleiß verursachte Reibung und Abnutzung führt zu einer Gelenkentzündung, die Bewegungs-, aber auch Ruheschmerzen nach sich zieht. Der Körper versucht die Abnutzung des Knorpels des Facettengelenks auszugleichen, indem er mehr Knochenmasse bildet. Deshalb verbreitert sich der Knochen, der unter dem Knorpel liegt. Es kann zu Einengungen des Nervenaustrittspunktes kommen, da direkt am Wirbelgelenk die Nervenwurzel aus dem Rückenmarkskanal tritt.

Mit der Zeit können sich im Bereich der Gelenkkapsel unter Umständen auch Synovialzysten bilden, weil sich Gelenkschmiere in einer Ausbuchtung der Gelenkkapsel sammelt und wie bei einem Bandscheibenvorfall auf den Nerv drückt. Ein Facettensyndrom tritt mit steigender Tendenz ab dem 50. Lebensjahr auf.

Foramenstenose

Bei dieser Rückenerkrankung handelt es sich um eine Einengung des Nervenaustrittspunkts. Die Ursache dafür kann eine Facettenarthrose sein, da aufgrund von Verschleißerscheinungen zu viel wilde Knochenmasse im Gelenk gebildet wurde, die den Nervenaustrittspunkt von hinten einengt. Es kann aber auch daran liegen, dass der Nervenaustrittspunkt von vorn durch Bandscheibengewebe oder knöcherne Abstützreaktionen der Wirbelkörper eingeengt wird. Dazu kommt es zum Beispiel aufgrund von degenerativen Veränderungen der Bandscheiben (Osteochondrose) oder nach alten Bandscheibenvorfällen. Ähnlich wie bei einem Bandscheibenvorfall strahlt die dadurch verursachte Reizung an der betroffenen Nervenwurzel in den Rücken und bis ins Bein aus und kann ein Kribbeln, ein pelziges Gefühl oder einen Reflexverlust bewirken.

Wie lassen sich Foramenstenose und Bandscheibenvorfall abgrenzen?
Mit einer Formanestenose können Sie gut anlaufen, spüren aber bald Schmerzen im Bein und müssen stehen bleiben. Sie können aber schlecht ins Hohlkreuz gehen. Haben Sie einen Bandscheibenvorfall, tut Ihnen langsames Laufen gut. Dafür fällt es Ihnen schwer, sich nach vorn zu beugen. Auch Foramenstenosen treten zunehmend ab dem 50. Lebensjahr auf.

ISG-Syndrom

Das Iliosakralgelenk (abgekürzt ISG oder auch SIG) gehört zu den Plattengelenken und verbindet das Becken und die Wirbelsäule. Eine falsche Bewegung, weil Sie stolpern, oder starke statische Belastungen, weil Sie etwas Schweres heben, können zu einer Blockierung des ISG führen. Bei dieser Rückenerkrankung machen sich die Schmerzen tief im unteren Rücken, meist auf einer Seite, bemerkbar und können bis ins Bein ausstrahlen. Bei rheumatischen Erkrankungen kann sich das ISG auch entzünden. Ein ISG-Syndrom tritt ab dem 20. Lebensjahr auf und nimmt im Alter eher wieder ab. 

Die Illustration zeigt die Rückenerkrankung Spinalkanalstenose. Bildnachweis: AdobeStock/Judith

Spinalkanalstenose

Bei dieser Rückenerkrankung handelt es sich um eine Verengung des Rückenmarkskanals, sodass er aufs Rückenmark drückt oder die Nervenwurzeln einquetscht. Man unterscheidet zwischen einer sehr seltenen primären, also angeborenen, und einer sekundären Spinalkanalstenose, die abnutzungsbedingt ist. Die Verengung kann verschiedene Ursachen haben: eine geschädigte Bandscheibe, die sich vorwölbt; knöcherne Auswüchse der Zwischenwirbelgelenke oder eine Verdickung des sogenannten Ligamentum flavum, des gelben Bandes, das die beiden Wirbelkörper zusammenhält und die Wirbelsäule zusätzlich stabilisiert. Oft kommt es im Bereich der Lendenwirbelsäule zu einer Spinalkanalstenose, weil dort die größte axiale Last einwirkt. Eine Spinalkanalstenose kann auch Folge einer früheren Bandscheibenoperation sein. Spinalkanalstenosen betreffen meist Menschen ab dem 60. Lebensjahr und erreichen eine maximale Häufigkeit zwischen 70 und 80 Jahren.

Wirbelgleiten/ Spondylolisthese

Bei einer Spondylolisthese rutscht ein Wirbelkörper langsam und über Jahrzehnte aus seinem Verbund nach vorn ab. Diese Instabilität kann angeboren oder das Resultat einer Verschleißerscheinung sein. Das Wirbelgleiten wird oft erst durch eine Röntgenaufnahme entdeckt, weil der Vorgang selbst keine Schmerzen verursacht. Langfristig können bei dieser Rückenerkrankung Schmerzen, Gefühlsstörungen oder sogar Lähmungen in den Beinen auftreten, wenn das Rückenmark oder die Nervenwurzeln an den Austrittspunkten eingeengt werden. Wirbelgleiten tritt ab einem Alter von 40 Jahren auf.

Osteochondrose

Bei dieser Rückenerkrankung liegt ein Verschleiß der Bandscheibe zwischen zwei Wirbelkörpern vor. Aufgrund andauernder Fehlbelastungen nutzen sich die Bandscheiben ab, sodass sie ihre Pufferfunktion zwischen den Wirbeln nicht mehr ausreichend erfüllen können. Die Knochen der Wirbelkörper verdicken daraufhin, die Stoffwechselaktivität erhöht sich und der Wassergehalt des angrenzenden Gewebes nimmt zu. Im Kernspin lässt sich das als Ödem erkennen. Um mithilfe einer größeren Fläche den Druck auszugleichen, bildet sich seitlich am Wirbelkörper Knochensubstanz, die sogenannten Spondylophyten, das sind zackenartige Wülste, die den Wirbelkörper deformiert aussehen lassen. In der Folge verändert sich die gesamte Statik der Wirbelsäule, sie wird steifer und kann sich nach vorn (Kyphose) oder hinten (Lordose) biegen.

Oft sind Skoliose-Patienten von einer Osteochondrose betroffen, weil die Bandscheiben durch die seitliche Verkrümmung der Wirbelsäule einer zu starken Belastung ausgesetzt sind. Zu einer Osteochondrose kann es aber auch nach einem Vorfall oder einer Operation an den Bandscheiben kommen. Osteochondrosen treten ab dem 30. Lebensjahr auf und häufen sich dann zwischen 40 und 50 Jahren.

Gesund (grün) versus krank (rot): Die Illustration verdeutlicht die Rückenerkrankung Osteoporose. Bildnachweis: AdobeStock/Axel Kock

Osteoporose

Der Begriff bedeutet so viel wie "poröser Knochen". Starker Kalziummangel führt zu einem vermehrten Verlust von Knochenmasse, so dass es schon bei geringen Belastungen zu Knochenbrüchen kommen kann. Alle sieben Minuten bricht sich in Deutschland eine Frau einen Wirbelknochen, etwa 60 Prozent davon nach der Menopause, da die Sexualhormone am Erhalt der Knochenmasse beteiligt sind. Häufig bricht auch der Oberschenkelknochen oder die Speiche im Unterarm. Entscheidend dabei ist: Früherkennung – lassen Sie im ersten Schritt Ihren Kalziumspiegel bestimmen.

Narbenverwachsungen

Vom "Failed-Back-Surgery-Syndrom" spricht man,  wenn sich nach einer Rückenoperation Narbenverwachsungen gebildet haben. Dabei handelt es sich um Verhärtungen des Gewebes, die nach dem Eingriff am offenen Wirbelkanal entstehen. Trotz akribischer Arbeitsweise, modernster Technik und sorgfältiger Blutstillung ist es bisher nicht gelungen, die Zahl der Betroffenen komplett zu reduzieren. Schon allein wegen dieses Risikos ist eine Operation bei dieser Rückenerkrankung erst als letzte medizinische Maßnahme zu empfehlen. Viele Operierte sind erst einmal zwei bis drei Wochen nach der Operation schmerzfrei, doch dann treten erneut sehr hartnäckige Beschwerden auf. Über ein Kontrastmittel lässt sich auf dem Kernspinbild erkennen, wo die Narbe und wo das nachgerutschte Bandscheibengewebe ist.

Nach der Diagnose

Dieser Überblick über die zehn am häufigsten vorkommenden Rückenerkrankungen und die Ursachen für Rückenschmerzen kann als Grundlage für ein weiteres Arztgespräch dienen, in dem mögliche Therapien besprochen werden.

Veröffentlicht am 12.07.2021

Publication date

Mit Vitalissimo.de startet der renommierte Ratgeberverlag Gräfe und Unzer das Online-Portal für alle, die den Chancen und Herausforderungen der Lebensmitte aktiv begegnen wollen und ohne Umwege zu den passenden Antworten und Angeboten begleitet werden möchten.

Mehr Informationen zu diesem Thema
Ursachen für Gelenk- und Rückenschmerzen
Diese Artikel könnten Sie auch interessieren
vitalissimo Newsletter