Forschung

So funktioniert die epigenetische Uhr

Hinweise auf unser biologisches Alter

Dass das biologische Alter durchaus vom kalendarischen Alter abweichen kann, ist nichts Neues. Die aktuelle Forschung fördert dazu allerdings laufend neue Ergebnisse und Methoden zutage. Eines davon ist die sogenannte epigenetische Uhr.

Stellen Sie sich eineiige Zwillinge vor, mit identischem genetischen Code und Geburtsdatum, sprich chronologischem Alter. Die oder der Eine raucht, schläft unregelmäßig, ernährt sich schlecht und bewegt sich kaum. Die oder der andere Andere wiederum achtet auf einen gesunden Lebensstil. Im Kindesalter verfügen die beiden über einen identischen epigenetischen Code. In der Mitte ihres Lebens driftet dieser allerdings deutlich auseinander, was wiederum den unterschiedlichen Lebensverhältnissen geschuldet ist. Der genetische Code bleibt unverändert, aber die epigenetische Uhr tickt nicht mehr im gleichen Takt.  

Gleich, und doch verschieden: Die epigenetischen Uhren von Zwillingspaaren müssen nicht identisch ticken. Bildnachweis: AdobeStock/esthermm

So funktioniert der epigenetische Code

Der genetische Code diktiert stark vereinfacht gesagt unsere Erbanlagen (Gene). Die genetische Grundausstattung ist die DNA (Desoxyribonukleinsäure), die in ausnahmslos jeder unserer Zellen vollkommen identisch ist. Darüber liegt die Epigenetik (“epi”= altgriechisch für “oberhalb, auf”). Ein System, welches das Ein- und Ausschalten der Bestandteile unserer genetischen Grundausstattung steuert und unter anderem von unserer individuellen Lebensweise beeinflusst wird.

Dem epigenetischen Code liegt das System der Methylierung zugrunde. Methylgruppen (Moleküle aus einem Kohlenstoffatomen und drei Wasserstoffatomen) agieren dabei als “Ein- und Ausschalter” einzelner Gene auf bestimmten Teilen der DNA. Genauer gesagt sind sie dort aktiv, wo die DNA-Bausteine Cytosin-Guanin (CpG) angesiedelt sind. Positiv auf die Methylierung wirken sich bestimmte Nahrungsmittel aus. Negativ wiederum sind Einflüsse wie Rauchen, Übergewicht, Stress und Traumata. Im Alter nehmen die Methylierungen ab, viele Gene, die nicht aktiv sein sollten, werden nicht ausgeschaltet. Methylierungen scheinen also die Zellalterung zu beeinflussen und ein Kennzeichen des Alterungsprozesses zu sein. 

So arbeitet die epigenetische Uhr

Der Humangenetiker und Biostatistiker Steve Horvath (University of California, Los Angeles) wertete Methylierungsmuster Tausender Probanden aus. Er identifizierte 353 CpG-Inseln, über die Rückschlüsse auf das jeweilige Alter der Untersuchten gezogen werden konnten und definierte ein Methylierungsmuster zur Bestimmung des chronologischen Alters. 

Das Entscheidende der daraus abgeleiteten epigenetischen Uhr: Durch Horvaths Erkenntnisse können auch Abweichungen erkannt werden. Wenn das Methylierungsmuster eines (chronologisch) 64-Jährigen das eines 72-Jährigen aufweist, ist der Mensch biologisch gesehen acht Jahre älter. Sein Sterberisiko sowie die Gefahr, zu erkranken, sind im Vergleich ebenfalls erhöht. Die epigenetische Uhr funktioniert natürlich auch im umgekehrten Sinne. Man geht außerdem davon aus, dass die Methylierungsmuster von äußeren Faktoren wie Stress beeinflusst werden. Die epigenetische Uhr kann daher ein “Spiegel unseres Lebensstils sein”, wie Nina Ruge in Verjüngung ist möglich schreibt.

Je älter wir sind, desto weniger Stoppschilder finden wir auf unserer DNA. Illustration: Florian Hauer, www.bogatzki-inc.com

Kann ich die epigenetische Uhr irgendwo selbst ablesen?

Seit 2018 ist der “Genetic Age Test” der Firma Cerascreen in Kooperation mit dem Fraunhofer-Institut auf dem Markt. Einen ähnlichen Test bietet seit Anfang 2021 auch das Unternehmen epiAge in Zusammenarbeit mit dem Epigenetiker Prof. Moshe Szyf (McGill University Montreal). Beide Tests funktionieren mittels Speichelprobe und unterscheiden sich in puncto Preis nur unwesentlich voneinander. 

Nina Ruge befragt in Verjüngung ist möglich unter anderem Martin A. Berlet, den Geschäftsführer von epiAge Deutschland. Das Interview in Auszügen:

Nina Ruge: Habe ich das richtig verstanden, dass Sie die epigenetische Uhr als eine Art Teststreifen sehen, mit dem ich checken kann, ob mich bestimmte Änderungen in meinem Lebensstil, Nahrungsergänzungsmittel oder Medikamente tatsächlich verjüngen? Die “Uhr” müsste ich also mehrfach anwenden, damit sie aussagekräftig wird, oder?
MARTIN A. BERLET: Ein erster Test gibt Ihnen Auskunft über den aktuellen Status quo ihres epigenetischen Alters. Das ist auf jeden Fall ein emotionaler Moment: Stellen Sie beispielsweise fest, schneller gealtert zu sein als der Durchschnitt, werden Sie sich sicherlich ernsthafte Gedanken darüber machen, wie Sie dem in Zukunft entgegenwirken können. In jedem Fall ein guter Ansporn, den eigenen Lebensstil infrage zu stellen! Wenn Ihr Ergebnis jünger ausfällt, scheinen Sie etwas richtig zu machen. Viele Menschen versuchen, sich durch Fitness und Diäten dauerhaft gesund zu halten, aber diese Gewohnheiten sind noch kein Garant für ein gesundes langes Leben. Denn es gibt auch andere schwerwiegende Faktoren, die unser Altern beeinflussen und sich nicht auf einer Waage ablesen lassen wie zum Beispiel Stress oder Krankheit.

Angenommen, Sie messen Ihr biologisches Alter, nehmen dann für einen Zeitraum von, sagen wir, einem halben Jahr Metformin ein oder Resveratrol oder Kurkuma – und messen schließlich wieder.
Wenn Sie die biologische Uhr verlangsamen oder gar zurückdrehen konnten, dann haben Sie ein starkes Indiz dafür, dass Ihre Maßnahmen tatsächlich Wirkung zeigen. Das gleiche Prinzip gilt beispielsweise auch für Lifestyleänderungen wie regelmäßige Meditation oder eine Ernährungsumstellung.

Sie kennen Ihr biologisches Alter natürlich, Sie haben den Test sicher schon mehrfach gemacht.
Das habe ich in der Tat, und mein biologisches Alter liegt auch ein paar Jahre unter meinem chronologischen. Das ist aber auch nicht ungewöhnlich, wie wir aus der Beta-Testphase wissen. Das konnten wir bei einigen Personen feststellen. Interessant wird dann das Monitoring mit einem Folgetest.

Haben Sie denn damit auch ein Präparat getestet – ob es tatsächlich wirkt?
Ja, aber es war nicht nur ein Präparat, sondern eher eine Kombination, bei der auch Sulforaphan (Anmerkung: ein Wirkstoff des Brokkoli) eine Rolle spielt. Bei meiner Frau konnten wir schon signifikante Effekte beobachten. Nach einem späteren Test zeigte ihre epigenetische Uhr binnen zwei Monaten eine Verjüngung von 2,72 Jahren. Das ist natürlich kein wissenschaftlicher Beweis, sondern anekdotisch zu sehen. Genau wie ein umgekehrter Fall, bei dem innerhalb weniger Monate ein Proband eine erhebliche epigenetische Beschleunigung seiner biologischen Uhr feststellen musste. So können auch Stress und Krankheiten Einfluss nehmen. Grundsätzlich können und dürfen wir mit dem Test aber keine medizinischen Aussagen treffen. Wir können den Menschen jedoch einen Anstoß geben, über ihre Gesundheit nachzudenken oder sich Rat bei einem Arzt zu holen.

“Mein biologisches Alter erfahren – ganz einfach per Spucke und per Post? Da bin ich mit dabei”, dachte sich Nina Ruge und ließ ihr biologisches Alter über die epigenetische Uhr ermitteln. Bildnachweis: AdobeStock/ronstik

Nina Ruge liest ihre epigenetische Uhr

“Mein biologisches Alter erfahren – ganz einfach per Spucke und per Post? Da bin ich mit dabei”, so Ruge. “Selbst mit der im Hinterkopf pochenden kritischen Frage: Wird sich dein konsequent gesunder Lebensstil auch wirklich auf deine epigenetische Uhr niederschlagen, indem sie deutlich langsamer tickt als die an deinem Handgelenk?” Was, wenn ihre Methylierungsmuster mehr Jahre auf der epigenetischen Uhr anzeigen würden? 

“Also zunächst eine halbe Stunde weder etwas essen noch trinken, um das Ergebnis nicht zu verfälschen. Dann sanft, aber reichlich ins Röhrchen gespuckt und geschüttelt, weil die Konservierungsflüssigkeit ihren Job tun soll. Ins Tütchen packen, ab in die Post – und warten … Bei mir hat’s immerhin zwei Monate gebraucht, bis die E-Mail kam.” Das Ergebnis: Laut epigenetischer Uhr hat Nina Ruge ein biologischs Alter von 57,53 Jahren. ”Chronologisch war ich zum Zeitpunkt der Probe 64,3 Jahre alt. Biologisch also 6,77 Jahre jünger! Das gefällt mir dann doch.”

Eine kleine Einschränkung gibt es jedoch bei der ersten Messung: Die Ergebnisse könnten eine statistische Ungenauigkeit von +/– 2,8 aufweisen. Bei einem weiteren Test, der die Wirkung bestimmter Lebensstiländerungen anzeigen könnte, würde diese Abweichung deutlich geringer ausfallen. 

Wenn wir schon beim Thema Lebensstilfaktoren sind: In unserem nächsten Artikel widmen wir uns den Top 5 für gesunde Langlebigkeit. Also, bleiben Sie neugierig!


Veröffentlicht am 29.10.2021

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Quellenverzeichnis

  1.  

    Das Titelbild des Buches "Verjüngung ist möglich" von Nina Ruge

    Verjüngung ist möglich. Wissenschaftlich erforscht, was wirklich hilft.
    Nina Ruge, Dr. Dr. med. Dominik Duscher

    Buch (Hardcover): 416 Seiten
    ISBN-10: 3833879564
    ISBN-13: 978-3-8338-7956-2
    Preis: 24,00 Euro (inkl. 7 % MwSt. zzgl. Versandkosten)
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  2. Altern wird heilbar. Jung bleiben mit der Kraft der 3 Zellkompetenzen.
    Nina Ruge, Dr. Dr. med. Dominik Duscher

    Buch (Hardcover): 352 Seiten
    ISBN-10: 3833871784
    ISBN-13: 978-3-8338-7178-8
    Preis: 22,00 Euro (inkl. 7 % MwSt. zzgl. Versandkosten)
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