Forschung

Die epigenetische Uhr: Kann sie uns unser „wahres“ Alter verraten?

Mit einem Test können Sie Ihr biologisches Alter feststellen

Dass das biologische Alter durchaus vom kalendarischen Alter abweichen kann, ist nichts Neues. Die aktuelle Forschung zur gesunden Langlebigkeit fördert dazu allerdings laufend neue Ergebnisse und Methoden zutage. Eines davon ist die sogenannte epigenetische Uhr.

Stellen Sie sich eineiige Zwillinge vor, mit identischem genetischen Code und Geburtsdatum. Ihr biologisches Alter ist ein und dasselbe. Die oder der Eine raucht, schläft unregelmäßig, ernährt sich schlecht und bewegt sich kaum. Die oder der andere Andere wiederum achtet auf einen gesunden Lebensstil. Im Kindesalter verfügen die beiden über einen identischen epigenetischen Code. In der Mitte ihres Lebens driftet dieser allerdings deutlich auseinander, was wiederum den unterschiedlichen Lebensverhältnissen geschuldet ist. Der genetische Code bleibt unverändert, aber die epigenetische Uhr tickt nicht mehr im gleichen Takt.  

Gleich, und doch verschieden: Die epigenetischen Uhren von Zwillingspaaren müssen nicht identisch ticken. Bildnachweis: AdobeStock/esthermm

Kann ich mein biologisches Alter mit einem Test feststellen?

Das ist mittlerweile für jeden von uns möglich. Es gibt diverse Anbieter, die über eine Speichelprobe die epigenetische Uhr, und somit das jeweilige biologische Alter eines Menschen, ermitteln können. Seit 2018 ist der “Genetic Age Test” der Firma Cerascreen in Kooperation mit dem Fraunhofer-Institut auf dem Markt. Einen ähnlichen Test bietet seit Anfang 2021 auch das Unternehmen epiAge in Zusammenarbeit mit dem Epigenetiker Prof. Moshe Szyf (McGill University Montreal). Beide Tests unterscheiden sich in puncto Preis nur unwesentlich voneinander. 

Nina Ruge befragte für ihren GU-Bestseller Verjüngung ist möglich Martin A. Berlet, den Geschäftsführer von epiAge Deutschland:

Nina Ruge: Habe ich das richtig verstanden, dass Sie die epigenetische Uhr als eine Art Teststreifen sehen, mit dem ich checken kann, ob mich bestimmte Änderungen in meinem Lebensstil, Nahrungsergänzungsmittel oder Medikamente tatsächlich verjüngen? Die “Uhr” müsste ich also mehrfach anwenden, damit sie aussagekräftig wird, oder?
MARTIN A. BERLET: Ein erster Test gibt Ihnen Auskunft über den aktuellen Status quo ihres epigenetischen Alters. Das ist auf jeden Fall ein emotionaler Moment: Stellen Sie beispielsweise fest, schneller gealtert zu sein als der Durchschnitt, werden Sie sich sicherlich ernsthafte Gedanken darüber machen, wie Sie dem in Zukunft entgegenwirken können. In jedem Fall ein guter Ansporn, den eigenen Lebensstil infrage zu stellen! Wenn Ihr Ergebnis jünger ausfällt, scheinen Sie etwas richtig zu machen. Viele Menschen versuchen, sich durch Fitness und Diäten dauerhaft gesund zu halten, aber diese Gewohnheiten sind noch kein Garant für ein gesundes langes Leben. Denn es gibt auch andere schwerwiegende Faktoren, die unser Altern beeinflussen und sich nicht auf einer Waage ablesen lassen wie zum Beispiel Stress oder Krankheit.

Angenommen, Sie messen Ihr biologisches Alter, nehmen dann für einen Zeitraum von, sagen wir, einem halben Jahr Metformin ein oder Resveratrol oder Kurkuma – und messen schließlich wieder.
Wenn Sie die biologische Uhr verlangsamen oder gar zurückdrehen konnten, dann haben Sie ein starkes Indiz dafür, dass Ihre Maßnahmen tatsächlich Wirkung zeigen. Das gleiche Prinzip gilt beispielsweise auch für Lifestyleänderungen wie regelmäßige Meditation oder eine Ernährungsumstellung.

“Mein biologisches Alter erfahren – ganz einfach per Spucke und per Post? Da bin ich mit dabei”, dachte sich Nina Ruge und ließ ihr biologisches Alter über die epigenetische Uhr ermitteln. Bildnachweis: AdobeStock/ronstik

Sie kennen Ihr biologisches Alter natürlich, Sie haben den Test sicher schon mehrfach gemacht.
Das habe ich in der Tat, und mein biologisches Alter liegt auch ein paar Jahre unter meinem chronologischen. Das ist aber auch nicht ungewöhnlich, wie wir aus der Beta-Testphase wissen. Das konnten wir bei einigen Personen feststellen. Interessant wird dann das Monitoring mit einem Folgetest.

Haben Sie denn damit auch ein Präparat getestet – ob es tatsächlich wirkt?
Ja, aber es war nicht nur ein Präparat, sondern eher eine Kombination, bei der auch Sulforaphan (Anmerkung: ein Wirkstoff des Brokkoli) eine Rolle spielt. Bei meiner Frau konnten wir schon signifikante Effekte beobachten. Nach einem späteren Test zeigte ihre epigenetische Uhr binnen zwei Monaten eine Verjüngung von 2,72 Jahren. Das ist natürlich kein wissenschaftlicher Beweis, sondern anekdotisch zu sehen. Genau wie ein umgekehrter Fall, bei dem innerhalb weniger Monate ein Proband eine erhebliche epigenetische Beschleunigung seiner biologischen Uhr feststellen musste. So können auch Stress und Krankheiten Einfluss nehmen. Grundsätzlich können und dürfen wir mit dem Test aber keine medizinischen Aussagen treffen. Wir können den Menschen jedoch einen Anstoß geben, über ihre Gesundheit nachzudenken oder sich Rat bei einem Arzt zu holen.

Sechs Jahre jünger? Nina Ruge macht den Test

“Mein biologisches Alter erfahren – ganz einfach per Spucke und per Post? Da bin ich mit dabei”, so Ruge. “Selbst mit der im Hinterkopf pochenden kritischen Frage: Wird sich dein konsequent gesunder Lebensstil auch wirklich auf deine epigenetische Uhr niederschlagen, indem sie deutlich langsamer tickt als die an deinem Handgelenk?” Was, wenn ihre DNA-Methylierungsmuster mehr Jahre anzeigen würden? 

“Also zunächst eine halbe Stunde weder etwas essen noch trinken, um das Ergebnis nicht zu verfälschen. Dann sanft, aber reichlich ins Röhrchen gespuckt und geschüttelt, weil die Konservierungsflüssigkeit ihren Job tun soll. Ins Tütchen packen, ab in die Post – und warten … Bei mir hat’s immerhin zwei Monate gebraucht, bis die E-Mail kam.” Das Ergebnis: Laut epigenetischer Uhr hat Nina Ruge ein biologisches Alter von 57,53 Jahren. ”Chronologisch war ich zum Zeitpunkt der Probe 64,3 Jahre alt. Biologisch also 6,77 Jahre jünger! Das gefällt mir dann doch.”

Eine kleine Einschränkung gibt es jedoch bei der ersten Messung: Die Ergebnisse können in ihrer statistischen Genauigkeit um plus oder minus drei Jahre daneben liegen. Bei einem weiteren Test, der die Wirkung bestimmter Lebensstiländerungen anzeigen könnte, würde diese Abweichung deutlich geringer ausfallen. 

Ein guter Lebensstil beeinflusst die epigenetische Uhr. Bildnachweis: AdobeStock/JenkoAtaman

Lebensstil ändern und länger leben

Ein gesunder Lebensstil hält unseren Körper länger gesund und letztlich am Leben. Nina Ruge nennt in ihren Büchern Altern wird heilbar und Verjüngung ist möglich diese fünf wesentlichen Faktoren:

  • Ernährung
  • Schlaf
  • Atmung
  • Hitze/Kälte
  • Bewegung/Muskelkraft

Welche Nahrungsmittel tun uns gut, um gesund zu altern? Welche Nahrungsmittel wir auf unseren Speiseplan setzen, wirkt sich auf die Fähigkeit unserer Zellen aus, sich regelmäßig zu erneuern.

Guter und ausreichender Schlaf ist gleichsam wichtig für eine gesunde Langlebigkeit. Schlafstörungen können die altersbedingte Schwächung der Zellen beschleunigen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes, Depression sowie Alzheimer und Demenz fördern.

Mit unserer Atmung können wir wiederum unser vegetatives Nervensystem beeinflussen. Nina Ruge sprach für Verjüngung ist möglich mit Richard Hackenberg, einem der renommiertesten Ausbilder für Yoga und Pranayama in Deutschland. "Das Einatmen ist ein aktiver Prozess, und die Ausatmung ist ein passives Loslassen. Deshalb sollte die Ausatmung länger dauern als die Einatmung", so erklärt er. "Die Atmung und das Nervensystem sind so eng verbunden, dass wir uns im ungünstigen Falle in einen Burn-out atmen können – oder aber ich atme mich optimal in einen Zustand, der gegen Stress wirkt. Ich kann Stress wegatmen. Also, elementar wichtig ist: länger ausatmen."

Zu Hitze- und Kältereizen gibt es viele wissenschaftliche Studien. Wussten Sie zum Beispiel, dass mindestens zwei Saunagänge pro Woche das Sterberisiko durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken könnte. In Kombination mit regelmäßiger sportlicher Aktivität ist dieser Effekt noch mal deutlich größer. Auf der anderen Seite wird die Kältekammer unter anderem bei der Therapie von Rheuma eingesetzt.

Rund ein Drittel aller Menschen über 65 Jahre berichtet über Schwierigkeiten beim Gehen oder Treppensteigen. Ein Drittel aller über 65-Jährigen stürzt einmal jährlich – mit zum Teil verheeren-
den Folgen. Von den über 80-Jährigen stürzt fast jeder Zweite pro Jahr. Gebrechlichkeit ist eine Folge des Alterns, muss aber nicht zwangsläufig auftreten. Eine wichtige Ursache für Gebrechlichkeit ist Muskelschwund. Deshalb: regelmäßig trainieren! >> Wir haben 10 gute Gründe für gezielten Muskelaufbau ab 50.

Der epigenetische Code – so funktioniert er

Der genetische Code diktiert stark vereinfacht gesagt unsere Erbanlagen (Gene). Die genetische Grundausstattung ist die DNA (Desoxyribonukleinsäure), die in ausnahmslos jeder unserer Zellen vollkommen identisch ist. Darüber liegt die Epigenetik (“epi”= altgriechisch für “oberhalb, auf”). Ein System, welches das Ein- und Ausschalten der Bestandteile unserer genetischen Grundausstattung steuert und unter anderem von unserer individuellen Lebensweise beeinflusst wird.

Dem epigenetischen Code liegt das System der DNA-Methylierung zugrunde. Methylgruppen (Moleküle aus einem Kohlenstoffatomen und drei Wasserstoffatomen) agieren dabei als “Ein- und Ausschalter” einzelner Gene auf bestimmten Teilen der DNA. Genauer gesagt sind sie dort aktiv, wo die DNA-Bausteine Cytosin-Guanin (CpG) angesiedelt sind. Positiv auf die Methylierung wirken sich bestimmte Nahrungsmittel aus. Negativ wiederum sind Einflüsse und Lebensstilfaktoren wie Rauchen, Übergewicht, Stress und Traumata. Altern unsere Zellen, nehmen die Methylierungen ab, viele Gene, die nicht aktiv sein sollten, werden nicht ausgeschaltet. Methylierungen scheinen also die Zellalterung zu beeinflussen und ein Kennzeichen des Alterungsprozesses zu sein. 

Je älter wir sind, desto weniger Stoppschilder finden wir auf unserer DNA. Illustration: Florian Hauer, www.bogatzki-inc.com

Die epigenetische Uhr von Steve Horvath

Der Humangenetiker und Biostatistiker Steve Horvath (University of California, Los Angeles) wertete Methylierungsmuster Tausender Probanden aus. Er identifizierte 353 CpG-Inseln, über die Rückschlüsse auf das jeweilige Alter der Untersuchten gezogen werden konnten und definierte ein Methylierungsmuster zur Bestimmung des chronologischen Alters. 

Das Entscheidende der daraus abgeleiteten epigenetischen Uhr: Durch Horvaths Erkenntnisse können auch Abweichungen erkannt werden. Wenn das Methylierungsmuster eines (chronologisch) 64-Jährigen das eines 72-Jährigen aufweist, ist der Mensch biologisch gesehen acht Jahre älter. Sein Sterberisiko sowie die Gefahr, zu erkranken, sind im Vergleich ebenfalls erhöht. Das funktioniert natürlich auch im umgekehrten Sinne, denn man geht davon aus, dass die Methylierungsmuster von äußeren Faktoren wie Stress beeinflusst werden.


Veröffentlicht am 29.10.2021

Veröffentlichungsdatum

… begleitet VITALISSIMO als Redakteurin seit dem Launch im September 2021.

Quellenverzeichnis

  1.  

    Das Titelbild des Buches "Verjüngung ist möglich" von Nina Ruge

    Verjüngung ist möglich. Wissenschaftlich erforscht, was wirklich hilft.
    Nina Ruge, Dr. Dr. med. Dominik Duscher

    Buch (Hardcover): 416 Seiten
    ISBN-10: 3833879564
    ISBN-13: 978-3-8338-7956-2
    Preis: 24,00 Euro (inkl. 7 % MwSt. zzgl. Versandkosten)
    >> Wissenschaftlich fundiert, spannend wie ein Krimi

     

  2. Altern wird heilbar. Jung bleiben mit der Kraft der 3 Zellkompetenzen.
    Nina Ruge, Dr. Dr. med. Dominik Duscher

    Buch (Hardcover): 352 Seiten
    ISBN-10: 3833871784
    ISBN-13: 978-3-8338-7178-8
    Preis: 22,00 Euro (inkl. 7 % MwSt. zzgl. Versandkosten)
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