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Ernährung
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Veröffentlicht am 12.08.2021

Glucosamin: gesunde Langlebigkeit, gesunde Gelenke?

VITALISSIMO-Expertin Nina Ruge klärt im Expertengespräch, inwieweit der Gelenkbaustein positiv bei Arthrose und für gesunde Langlebigkeit wirkt.

Gelbe Kapsel in einem Glas

Glucosamin, das bisher als Nahrungsergänzungsmittel gegen Arthrose udn Knorpelschäden galt, scheint in neueren Studien lebensverlängernde Wirkung zu zeigen. Bildnachweis: AdobeStock/Iryna

Glucosamin wird seit Jahren als „Gelenkbaustein“ beworben und von Sportlern und Arthrosepatienten als Nahrungsergänzungsmittel meist in Kombination mit Chondroitin eingenommen. Manche Orthopäden empfehlen Patienten, das Präparat bei Kniearthrose und schmerzhaften Knorpelschäden einfach auszuprobieren, denn Nebenwirkungen sind bislang keine bekannt. Wissenschaftliche Studien über die Wirksamkeit von Glucosamin-Präparaten zur Linderung von Beschwerden bei Arthrose gibt es zwar keine. Nach dem subjektiven Empfinden von Gelenkverschleiß Betroffener macht sich die empfohlene langfristige Einnahme positiv bemerkbar durch Schmerzlinderung und verbesserte Belastbarkeit des Gelenks.

Das Nahrungsergänzungsmittel Glucosamin findet man bislang nicht in der Hitliste der Wirkstoffe für gesunde Langlebigkeit. Beim Interview mit Professor Michael Ristow für ihr Buch "Verjüngung ist möglich" hat VITALISSIMO-Expertin Nina Ruge nun über diese erstaunliche Nebenwirkung des Gelenkbausteins erfahren. Professor Ristow gilt als Spezialist für Ursachen des Energieverlustes im Alter und führt Glucosamin in seinen „Top Five der Wirkstoffe für Langlebigkeit“ auf.
Lesen Sie hier Auszüge aus dem Original-Gespräch.

Was ist Glucosamin?

Wir haben jede Menge natürliches Vorkommen an Glucosamin im Körper, weil es Bestandteil des Bindegewebes, des Gelenkknorpels und der Gelenkflüssigkeit ist. Es ist ein naher Verwandter des Traubenzuckers. Der einzige Unterschied besteht darin, dass Glucosamin eine stickstoffhaltige Aminogruppe trägt, was entscheidend zu seiner Wirkung im Körper beiträgt.

Industriell hergestellte Nahrungsergänzungsmittel mit Glucosamin sind auf Basis von Chitin. Dieses wird zumeist aus Nebenprodukten der Fischerei gewonnen, in anderen Worten aus den Schalen von Krustentieren wie Krabben oder Garnelen.

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Kann Glucosamin als Nahrungsergänzung bei Gelenkschmerzen helfen?
Bildnachweis: AdobeStock/mintra

Glucosamin als Nahrungsergänzungsmittel bei Gelenkbeschwerden

Da Glucosamin für Knorpel und Gelenke eine so wichtige Komponente darstellt, kam man schon vor Jahrzehnten auf die Idee, es als Nahrungsergänzungsmittel bei Gelenkbeschwerden, vor allem bei Arthrose einzusetzen. Nach dem Motto: Wenn der Knorpel sich mit den Jahren abnutzt und verschwindet, dann schluckt man einfach einen seiner Grundbaustoffe und füllt ihn wieder auf! Und so gehört Glucosamin sozusagen zur Grundausstattung eines Pillenschranks von Millionen Menschen mit Gelenkbeschwerden.

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Präparate mit Glucosamin und Chondroitin werden häufig damit beworben "Knorpelbausteine" zu liefern.
Bildnachweis: GU/Joseph&Sebastian

Wirksamkeit von Glucosamin auf Gelenk und Knorpel

Wissenschaftlich untermauert ist der Nutzen als Gelenkbaustein jedoch bislang nicht. Einige Studien zeigten zwar, dass Glucosamin im Darm gut aufgenommen wird, also eine hohe Bioverfügbarkeit aufweist. Doch bis heute konnte nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden, ob es tatsächlich im Knorpel ankommt und dort eingebaut wird.

Es existieren seriöse Studien, die eine geringe schmerzlindernde und knorpelregenerierende Wirkung des Glucosamins zeigen. Eine zweijährige Studie der Universität Sydney von 2013 mit über 600 von Kniegelenksarthrose betroffenen Teilnehmern, zeigte beispielsweise eine statistisch signifikante Abschwächung des Gelenkspaltrückgangs.

Andere Studien jedoch kamen zum gegenteiligen Ergebnis, nämlich dass Glucosamin nicht gelenkschützend wirke. Wie die Wirkung dieses „Gelenkbausteins“ in punkto Schmerzen, Beweglichkeit und Regeneration bei Arthrose einzuschätzen ist, liegt im subjektiven Befinden jedes Betroffenen.

Wissenswertes zur Einnahme von Glucosamin

Die gängigen Präparate zur Nahrungsergänzung mit Glucosaminsulfat enthalten eine Dosis von 700 bis 1250 Milligramm pro Tag. In der Regel liegt das Präparat in Kapselform zur oralen Einnahme vor. Dafür wird es häufig mit Chondroitin kombiniert. Klinische Studien zeigen, dass Präparate mit handelsüblicher Dosierung in der Regel gut verträglich sind.

Wie sollte man Glucosamin-Präparate einnehmen?

Die meisten Präparate werden in Form von Kapseln angeboten, jedoch sind auf dem Markt auch Pulver zum Anrühren, Tabletten oder Flüssigpräparate erhältlich. Üblicherweise löst man bei den Nahrungsergänzungsmitteln in Pulverform jeweils eine Einheit in der angegebenen Menge Wasser auf. Kapseln oder Tabletten soll man laut Angaben der Hersteller mit Wasser zu den Mahlzeiten einnehmen.

Bei den Fertigpräparaten wird es allerdings etwas unübersichtlich, da einzelne Anbieter die Menge der Wirkstoffe pro Einheit unterschiedlich dosieren. Die täglich empfohlene Einnahme kann so beispielsweise zwischen einer bis sechs Kapseln liegen. Bitte beachten Sie dazu in jedem Fall die Packungsbeilage des Präparates und überdosieren sie nicht.

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Lassen Sie sich von Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin oder in der Apotheke kompetent beraten, wenn es um Nahrungsergänzungsmittel geht.
Bildnachweis: iStock/RgStudio

Worauf Sie bei der Einnahme von Glucosamin-Präparaten achten sollten

Auch wenn die Präparate in der Regel gut verträglich sind und keine Nebenwirkungen beschrieben werden, sollte man bei Vorliegen folgender Umstände unbedingt medizinischen Rat einholen bzw. die Finger davon lassen:

  • Für Menschen, die an Diabetes mellitus leiden bzw. mit eingeschränkter Glukosetoleranz ist eine regelmäßige Überwachung des Blutzuckerspiegels empfehlenswert.
  • Bei Allergie gegen Krebstiere, Schalentiere oder Fischeiweiß dürfen solche Präparate nicht eingenommen werden.
  • Auch wer Blutverdünner (Cumarin-Antikoagulantien) einnimmt, sollte auf glucosaminhaltige Nahrungsergänzungsmittel verzichten, da Glucosamin die blutgerinnungshemmende Wirkung der Medikamente verstärken und die Einnahme somit zu Blutungen führen kann.
  • Bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, da bei der Einnahme Fettwerte im Blut, darunter vor allem der Cholesterinwert ansteigen kann.
  • Schwangere und Stillende, chronisch Kranke sowie Kinder und Jugendliche sollten auf die Einnahme solcher Präparate verzichten, denn dazu gibt es keine verlässlichen Daten.

Glucosamin-Präparate als Mittel für gesunde Langlebigkeit?

Als potentielles Mittel zur Lebensverlängerung gilt Glucosamin, weil es als naher Verwandter des Traubenzuckers Einfluss auf unseren Zuckerstoffwechsel haben könnte. Diese These führte zu einer Beobachtungsstudie mit 77.000 Personen, die nahelegte, dass die Einnahme solcher Präparate das Leben verlängern könnte – ganz unabhängig von allen Gelenkproblemen!

Einige wissenschaftliche Teams begannen vor rund zehn Jahren, die Wirkung von Glucosamin auf den Zellstoffwechsel und damit verbunden auf lebensverlängernde Effekte zu untersuchen.

Professor Michael Ristow gehörte dazu: "Sehr viele Menschen nehmen Glucosamin, und zwar vor allem Menschen ab einem Alter von 40, 50 Jahren, wenn Knorpelprobleme anfangen. Das heißt, wir haben unbeabsichtigt gigantische Versuche dazu, wie Glucosamin in der zweiten Lebenshälfte wirkt. Und dass es positive Effekte haben kann, ist ziemlich eindeutig der Fall. Diese Effekte beziehen sich nicht so sehr auf die Knorpelgesundheit, aber auf die Gesamtmortalität. Die geht zurück und man kann den Rückgang bei bestimmten Erkrankungen beobachten. Das ist schon relativ beeindruckend."

Studien zum Einfluss von Glucosamin auf altersbedingte Krankheiten und Lebensverlängerung

Professor Ristow verweist hier auf eine aktuelle epidemiologische Studie der Tulane University New Orleans, die sieben Jahre lang Datensätze von über 466.000 Briten auswertete, welche in der UK Biobank erfasst sind.

Sämtliche Personen wiesen zu Studienbeginn keinerlei Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf und es wurde genau notiert, welche Nahrungsergänzungsmittel genommen wurden. 19,3 Prozent der Teilnehmer hatten Glucosaminpräparate eingenommen. Ob diese 19,3 Prozent eventuell genetisch besser vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Schlaganfall geschützt waren, konnte geklärt werden. Beide Gruppen (die mit Glucosamin und die ohne) wiesen ähnliche Risiken auf.

Das Ergebnis war frappierend:

  • Schlaganfälle traten bei Glucosamin-Einnahme neun Prozent weniger auf
  • Koronare Herzkrankheiten um 18 Prozent weniger
  • Tod durch Herzinfarkt oder andere Herzkrankheiten sogar um 22 Prozent weniger

Michael Ristow und sein Team gaben zunächst bestimmten Fadenwürmern glucosaminhaltige Nahrung. Darauf erhöhte sich ihre Lebensdauer um fünf Prozent. Eine andere Forschergruppe um Tomoya Shintani von der Ehime University in Japan stellte bei höheren Dosen Glucosamin sogar eine Lebensverlängerung von rund 30 Prozent fest. Versuchsmäuse in der Studiengruppe von Professor Ristow lebten rund zehn Prozent länger, wenn sie mit dem Futter Glucosamin erhielten.

Einfluss von Glucosamin auf den Zellstoffwechsel

Professor Ristow erklärt dazu folgendes: “Glucosamin schlägt dieselben Stoffwechselwege ein wie Traubenzucker. Er kann aber nicht verstoffwechselt werden wie normaler Traubenzucker, sondern blockiert hier einen Abbauschritt. Traubenzucker – der ja auch in Früchten enthalten ist – führt im Normalfall zu einem schnellen Anstieg des Blutzuckerspiegels. Sein Konkurrent, das Glucosamin, bremst nun seinen Abbau, der Blutzuckerspiegel bleibt niedriger.”

Und damit wird ein Prozess in den Zellen aktiviert, den wir bereits als Effekt des Fastens kennen: Die Autophagie. Das ist eine Art von Müll-Recycling-Programm der Zelle, das nicht nur die intelligente Entsorgung des Zellmülls bewerkstelligt, sondern auch die Aktivität der Mitochondrien erhöht. Dabei wiederum werden freie Radikale produziert. Diese aktivieren im Zellkern diverse Schutzmechanismen, die unter anderem entzündungshemmende und herzschützende Wirkung haben.
Eine Studie aus dem Jahr 2013 zeigt übrigens, dass diese Autophagie-Stimulierung, die die Zellfitness erhöht, unter Glucosamin auch in den Knorpelzellen stattfindet.

Unsere Experten

Nina Ruge ist Journalistin und Autorin populärwissenschaftlicher Bücher zu Themen aus Forschung und Wissenschaft und studierte Biologin. Zu Beginn ihrer Karriere trat sie als Nachrichtenmoderatorin in Erscheinung, später folgten eine eigene Nachrichtensendung und ein Gesellschaftsmagazin. Nina Ruge moderiert Veranstaltungen zu Technologie-, Wissenschafts- und finanzpolitischen Themen und ist UNICEF-Botschafterin Deutschlands.

Dr. Dr. Michael Ristow ist ein deutscher Internist und Wissenschaftler, der als Professor für Energiestoffwechsel an der ETH Zürich lehrt. Sein Forschungsgebiet ist der mitochondriale Stoffwechsel und dessen Bedeutung für die allgemeine Alterung, sowie der Entstehung von altersassoziierten Krankheiten wie Diabetes mellitus Typ 2, Übergewicht und Krebs.

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