ErnährungForschung

Glucosamin: gesunde Langlebigkeit, gesunde Gelenke?

Sorgt der Gelenkbaustein Glucosamin als Nahrungsergänzung für gesunde Langlebigkeit?

Glucosamin wird seit Jahren als „Gelenkbaustein“ beworben und von Sportlern und Arthrosepatienten als Nahrungsergänzungsmittel meist in Kombination mit Chondroitin eingenommen. Manche Orthopäden empfehlen Patienten, das Präparat bei Kniearthrose und schmerzhaften Knorpelschäden einfach auszuprobieren, denn Nebenwirkungen sind bislang keine bekannt. Wissenschaftliche Studien über die Wirksamkeit von Glucosamin-Präparaten zur Linderung von Beschwerden bei Arthrose gibt es zwar keine. Nach dem subjektiven Empfinden von Gelenkverschleiß Betroffener macht sich die empfohlene langfristige Einnahme positiv bemerkbar durch Schmerzlinderung und verbesserte Belastbarkeit des Gelenks.

Das Nahrungsergänzungsmittel Glucosamin findet man bislang nicht in der Hitliste der Wirkstoffe für gesunde Langlebigkeit. Beim Interview mit Professor Michael Ristow für ihr Buch "Verjüngung ist möglich" hat VITALISSIMO-Expertin Nina Ruge nun über diese erstaunliche Nebenwirkung des Gelenkbausteins erfahren. Professor Ristow gilt als Spezialist für Ursachen des Energieverlustes im Alter und führt Glucosamin in seinen „Top Five der Wirkstoffe für Langlebigkeit“ auf.
Lesen Sie hier Auszüge aus dem Original-Gespräch.

Was ist Glucosamin?

Wir haben jede Menge Glucosamin im Körper, weil es Bestandteil des Bindegewebes, des Gelenkknorpels und der Gelenkflüssigkeit ist. Es ist ein naher Verwandter des Traubenzuckers. Der einzige Unterschied besteht darin, dass Glucosamin eine stickstoffhaltige Aminogruppe trägt, was entscheidend zu seiner Wirkung im Körper beiträgt.

Glucosamin als Nahrungsergänzungsmittel bei Gelenkbeschwerden

Da Glucosamin für Knorpel und Gelenke eine so wichtige Komponente darstellt, kam man schon vor Jahrzehnten auf die Idee, es als Nahrungsergänzungsmittel bei Gelenkbeschwerden, vor allem bei Arthrose einzusetzen. Nach dem Motto: Wenn der Knorpel sich mit den Jahren abnutzt und verschwindet, dann schluckt man einfach einen seiner Grundbaustoffe und füllt ihn wieder auf!
Und so gehört Glucosamin sozusagen zur Grundausstattung eines Pillenschranks von Millionen Menschen mit Gelenkbeschwerden.

Wirksamkeit von Glucosamin auf Gelenk und Knorpel

Wissenschaftlich untermauert ist der Nutzen als Gelenkbaustein jedoch nicht: Einige Studien zeigten zwar, dass Glucosamin im Darm gut aufgenommen wird, also eine hohe Bioverfügbarkeit aufweist. Doch bis heute konnte nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden, ob es tatsächlich im Knorpel ankommt und dort eingebaut wird. Es existieren seriöse Studien, die eine geringe schmerzlindernde und knorpelregenerierende Wirkung des Glucosamins zeigen. Andere Studien jedoch kamen zum gegenteiligen Ergebnis, nämlich dass Glucosamin nicht gelenkschützend wirke. Wie die Wirkung dieses „Gelenkbausteins“ in punkto Schmerzen, Beweglichkeit und Regeneration bei Arthrose einzuschätzen ist, liegt im subjektiven Befinden jedes Betroffenen.

Wissenswertes zur Einnahme von Glucosamin

Was steckt dahinter, wie wirkt Glucosamin, wenn wir es zusätzlich zu uns nehmen? Die gängigen Präparate zur Nahrungsergänzung enthalten eine Dosis von 700 bis 1250 Milligramm pro Tag, Nebenwirkungen werden übrigens kaum beschrieben. Wichtig zu wissen ist allerdings, dass manche dieser  Nahrungsergänzungsmittel aus Teilen von Schalentieren hergestellt werden – was zu Problemen bei Allergikern führen kann. Es ist aber auch Glucosamin erhältlich, das von Hefen produziert wird. Wer Blutverdünner verschrieben bekommen hat, sollte auf Glucosamin verzichten – und Diabetiker müssen bei Einnahme den Blutzuckerspiegel genau beobachten.

Lassen sie sich kompetent beraten, wenn es um Nahrungsergänzungsmittel geht.
Bildnachweis: iStock/RgStudio

Glucosaminpäparate als Mittel für gesunde Langlebigkeit?

Als potentielles Mittel zur Lebensverlängerung gilt Glucosamin, weil es als naher Verwandter des Traubenzuckers Einfluss auf unseren Zuckerstoffwechsel haben könnte. Diese These führte zu einer Beobachtungsstudie mit 77.000 Personen, die nahelegte, dass die Einnahme solcher Präparate das Leben verlängern könnte – ganz unabhängig von allen Gelenkproblemen!

Einige wissenschaftliche Teams begannen vor rund zehn Jahren, die Wirkung von Glucosamin auf den Zellstoffwechsel und damit verbunden auf lebensverlängernde Effekte zu untersuchen.

Professor Michael Ristow gehörte dazu: "Sehr viele Menschen nehmen Glucosamin, und zwar vor allem Menschen ab einem Alter von 40, 50 Jahren, wenn Knorpelprobleme anfangen. Das heißt, wir haben unbeabsichtigt gigantische Versuche dazu, wie Glucosamin in der zweiten Lebenshälfte wirkt. Und dass es positive Effekte haben kann, ist ziemlich eindeutig der Fall. Diese Effekte beziehen sich nicht so sehr auf die Knorpelgesundheit, aber auf die Gesamtmortalität. Die geht zurück und man kann den Rückgang bei bestimmten Erkrankungen beobachten. Das ist schon relativ beeindruckend.

Studien zum Einfluss von Glucosamin auf altersbedingte Krankheiten und Lebensverlängerung

Professor Ristow verweist hier auf eine aktuelle epidemiologische Studie der Tulane University New Orleans, die sieben Jahre lang Datensätze von über 466.000 Briten auswertete, welche in der UK Biobank erfasst sind.

Sämtliche Personen wiesen zu Studienbeginn keinerlei Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf und es wurde genau notiert, welche Nahrungsergänzungsmittel genommen wurden. 19,3 Prozent der Teilnehmer hatten Glucosaminpräparate eingenommen. Ob diese 19,3 Prozent eventuell genetisch besser vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Schlaganfall geschützt waren, konnte geklärt werden. Beide Gruppen (die mit Glucosamin und die ohne) wiesen ähnliche Risiken auf.

Das Ergebnis war frappierend:

  • Schlaganfälle traten bei Glucosamin-Einnahme neun Prozent weniger auf
  • Koronare Herzkrankheiten um 18 Prozent weniger
  • Tod durch Herzinfarkt oder andere Herzkrankheiten sogar um 22 Prozent weniger

Michael Ristow und sein Team gaben zunächst bestimmten Fadenwürmern glucosaminhaltige Nahrung. Darauf erhöhte sich ihre Lebensdauer um fünf Prozent. Eine andere Forschergruppe um Tomoya Shintani von der Ehime University in Japan stellte bei höheren Dosen Glucosamin sogar eine Lebensverlängerung von rund 30 Prozent fest. Versuchsmäuse in der Studiengruppe von Professor Ristow lebten rund zehn Prozent länger, wenn sie mit dem Futter Glucosamin erhielten.

Einfluss von Glucosamin auf den Zellstoffwechsel

Professor Ristow erklärt dazu folgendes: “Glucosamin schlägt dieselben Stoffwechselwege ein wie Traubenzucker. Er kann aber nicht verstoffwechselt werden wie normaler Traubenzucker, sondern blockiert hier einen Abbauschritt. Traubenzucker – der ja auch in Früchten enthalten ist – führt im Normalfall zu einem schnellen Anstieg des Blutzuckerspiegels. Sein Konkurrent, das Glucosamin, bremst nun seinen Abbau, der Blutzuckerspiegel bleibt niedriger.”

Und damit wird ein Prozess in den Zellen aktiviert, den wir bereits als Effekt des Fastens kennen: Die Autophagie. Das ist eine Art von Müll-Recycling-Programm der Zelle, das nicht nur die intelligente Entsorgung des Zellmülls bewerkstelligt, sondern auch die Mitochondrienaktivität erhöht. Dabei wiederum werden freie Radikale produziert. Diese aktivieren im Zellkern diverse Schutzmechanismen, die unter anderem entzündungshemmende und herzschützende Wirkung haben.
Eine Studie aus dem Jahr 2013 zeigt übrigens, dass diese Autophagie-Stimulierung, die die Zellfitness erhöht, unter Glucosamin auch in den Knorpelzellen stattfindet.

Unsere Experten

Nina Ruge ist Journalistin und Autorin populärwissenschaftlicher Bücher zu Themen aus Forschung und Wissenschaft und studierte Biologin. Zu Beginn ihrer Karriere trat sie als Nachrichtenmoderatorin in Erscheinung, später folgten andere Formate wie ihre eigene Nachrichtensendung „heute Nacht“ und das Gesellschaftsmagazin „Leute heute“. Nina Ruge moderiert vielfach Kongresse und Podiumsdiskussionen zu Technologie-, Wissenschafts- und finanzpolitischen Themen und ist UNICEF-Botschafterin Deutschland.

Dr. Dr. Michael Ristow ist ein deutscher Internist und Wissenschaftler, der als Professor für Energiestoffwechsel an der ETH Zürich lehrt. Sein Forschungsgebiet ist der mitochondriale Stoffwechsel und dessen Bedeutung für die allgemeine Alterung, sowie der Entstehung von altersassoziierten Krankheiten wie Diabetes mellitus Typ 2, Übergewicht und Krebs.

Veröffentlicht am 12.07.2021

Publication date

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Quellenverzeichnis

  1. Verjüngung ist möglich. Nina Ruge. GU Verlag.

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