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Kältetherapie gegen Gelenkschmerzen und Entzündungen

Was bewirkt Kältetherapie (Kryotherapie) bei entzündlichen Gelenkschmerzen?

Dass Kälte und Eis bei verstauchten Knöcheln oder Schwellungen nach Operationen helfen, gehört zum Erfahrungsschatz jedes Erwachsenen. Einen Gang in die Kryokammer mit Temperaturen von um die -110 Grad haben aber wohl die wenigsten schon selbst unternommen. Für Betroffene, die an Arthrose oder Gelenkrheuma (Arthritis) leiden, scheint die Kältetherapie eine Alternative zu bieten, wenn es um Schmerzlinderung und Entzündungshemmung geht. Jedoch ist deren Nutzen bisher noch nicht wissenschaftlich einwandfrei belegt.

Bei welchen Erkrankungen verspricht die Kryokammer Linderung?

Vitalissimo-Expertin Nina Ruge geht für die Recherchen zu ihrem Buch Verjüngung ist möglich der Frage nach, in welchen Fällen sich der Besuch einer Kältekammer lohnt.

Dr. Maximilian Schubert, ärztlicher Direktor der Vivamayr Kuranstalt in Altaussee, erklärt der Wissenschaftsjournalistin folgendes zum Einsatz der Kryokammer:

"Schwerpunkt des therapeutischen Einsatzes der Kältekammer sind entzündliche Erkrankungen. Wenn ich einen Patienten mit Muskel- oder Gelenkrheuma habe, würde ich ihm am Anfang zwei- bis dreimal am Tag die Kältekammer empfehlen. Patienten mit Schuppenflechte oder Neurodermitis empfehle ich die Kältekammer täglich, über ein bis zwei Wochen. Für gesunde Langlebigkeit kann die Kältekammer nur ein Mosaikstein in einem Paket von Maßnahmen sein und ist weniger häufig angezeigt. Die Kältekammer allein wird uns nicht jung halten. Sie können von mir aus täglich in die Kältekammer gehen, aber wenn das Stresslevel im eigenen System hoch bleibt und gleichzeitig die Ernährung nicht stimmt und nicht auf einen gesunden Lebensstil geachtet wird – zu wenig Schlaf zum Beispiel –, dann kann die Kältekammer das auch nicht ausmerzen."

Kälte als traditionelles Heilmittel

Kryotherapien (von griechisch "kryos" für "kalt") hatte schon Hippokrates vor über 2000 Jahren im antiken Griechenland empfohlen. Der Priester und Naturheilkundler Sebastian Kneipp entwickelte sogar ein Kälte-Kurkonzept mit Wassertreten und kurzen kalten Vollbädern.

"Coolpacks" aus der Tiefkühltruhe und kalte Umschläge helfen bei Prellungen und nach Zahn-OPs, kalte Wickel senken Fieber, Warzen lassen sich vereisen.

Gemeinsam ist allen Kryotherapien die praktische Erfahrung, dass Kälte schmerz- und entzündungshemmend wirkt. Daher kann sie bei Arthrose, Rheuma, Muskelverspannungen, chronischen Schmerzen und Neurodermitis helfen. Und da Kälte offenbar die Mitochondrienvermehrung stimuliert, geht man von einem Effekt zugunsten einer gesunden Langlebigkeit aus.

Die Kältekammer hat als Erster der japanische Rheumatologe Toshiro Yamauchi 1978 bei Rheumapatienten eingesetzt. Er ließ sie für kurze Zeit bei -175 °C frieren. Daraus hat sich ein florierender Geschäftszweig entwickelt. Kältekammern sind besonders in den USA auf dem Vormarsch. Da es sich um technologisch aufwändige Vorrichtungen handelt, die viel Energie brauchen, sind die Behandlungen teuer. Deshalb wird von den Anbietern auch dafür geworben, dass regelmäßige Kurzaufenthalte in der Kältekammer unter anderem Asthma, Alzheimer und Migräne lindern, das Immunsystem stärken und den Schlaf verbessern sollen.

Extreme Kälte wie hier in einer Kryosaune kann bei Gelenkschmerzen für Linderung sorgen.
Bildnachweis: AdobeStock/merla

Positive Effekte der Kältetherapie auf den Organismus

Die Effekte der Kältekammer erklärt Dr. Maximilian Schubert folgendermaßen:

"Durch den Kältereiz kommt es zu einer Stimulierung der Mitochondrien und zu einer besseren Sauerstoffversorgung im Körper. Zudem werden durch das Schockerlebnis Glückshormone, also Endorphine ausgeschüttet, was zu einem Wohlgefühl im Anschluss führt. Entscheidend sind die antientzündlichen Stoffe, die in den oberen Hautschichten als Schutz vor dem Zelltod produziert werden. Im Spitzensport nutzen vor allem die Spieler der großen Fußballclubs diese Kammern, auch, um Prellungen, Verstauchungen und Muskelfaserrisse schneller regenerieren zu lassen."

Wie sieht ein Gang in die Kältekammer aus?

Um Erfrierungen in der -110 °C kalten Kammer zu vermeiden, schützt man die exponierten Körperteile mit Mütze, Mundschutz, Handschuhen, Badekleidung, Socken und Schuhen. So verbringt man zunächst circa eine Minute in einem Vorraum mit -30 bis -40 °C. Von dort geht es für maximal drei Minuten in die Kältekammer, wo -110 °C herrschen. Man soll darin langsam herumgehen. Anschließend geht es über den nicht ganz so extrem kalten Vorraum wieder in die Normaltemperatur zurück.

Die Luftfeuchtigkeit in der Kammer ist nahe Null Prozent. Wegen der dadurch fehlenden Verdampfungskälte wird die extreme Temperatur als nicht besonders unangenehm empfunden. Subjektiv wird das Tauchbecken nach der Sauna als kälter beschrieben.

Lässt sich der Nutzen der Kryotherapie wissenschaftlich belegen?

Derzeit sind die Meinungen dazu noch geteilt, von wissenschaftlicher Seite aus ist das Thema noch nicht ausreichend erforscht. Nutzer allerdings scheinen eine subjektive Besserung ihrer Beschwerden zu empfinden.

Die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA hat sich im Jahr 2016 eingehend mit den verschiedenen therapeutischen Angeboten beschäftigt. Das Urteil der Behörde: Kein einziges der damals genutzten Geräte sei offiziell für eine therapeutische Behandlung zugelassen und keines der medizinischen Heilsversprechen sei wissenschaftlich abgesichert. Die Autoren einer österreichischen Metastudie kamen zu demselben Ergebnis.

Dennoch: In vielen Rehakliniken und Kureinrichtungen wird die Kältekammer eingesetzt, vor allem zur Schmerzlinderung und Rheumatherapie. Spitzensportler schwören darauf – beim BVB in Dortmund und beim FC Bayern München werden Kryokammern genutzt. Die subjektive Wirkung wird oft als positiv beschrieben. Seit die Deutsche Rentenversicherung Ganzkörper-Kältetherapien für die Indikationen "Entzündliche Gelenkerkrankungen und Schmerzsyndrome" in ihrem Leistungskatalog aufgenommen hat, bieten sie einige medizinische Praxen an.

Auf Antrag beteiligen sich deshalb auch manche Krankenkassen an den Kosten. Vor dem Besuch einer Kältekammer sollte man nicht nur seinen Versicherungsträger konsultieren, sondern auf alle Fälle auch medizinischen Rat einholen. Für Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Thromboseneigung, Atemwegserkrankungen, Diabetes oder Infekten ist die Therapie in der Kältekammer grundsätzlich nicht geeignet.

Günstiger als ein Besuch in der Kältekammer sind Kneippanwendungen oder Wechselduschen.
Bildnachweis: iStock/rudigobbo

Kälte durch Kneippkur oder Wechselduschen

Kann die Wirkung von Kälte auf Herz, Kreislauf, Immunsystem und Schlaf – und damit verbunden auf gesunde Langlebigkeit – oder auf rheumatische und entzündliche Erkrankungen nicht doch wissenschaftlich nachgewiesen werden?

Eine aktuelle Metastudie zur Wirkung der Kneipptherapie ergab bei 64 Prozent der Studien signifikante Verbesserungen bei Krampfadern, Bluthochdruck und leichter Herzinsuffizienz. Auch Wechseljahrbeschwerden und Schlafstörungen zeigten verbesserte Parameter. Am effektivsten scheint der Wechsel zwischen Hitze- und Kältereiz zu sein.

Eine niederländische Studie ergab, dass sich Teilnehmer, die einen Monat lang nach jeder heißen Dusche kalt (also 14 bis 16 °C) abduschten, zu 29 Prozent weniger krank meldeten. Dabei spielte es interessanterweise keine Rolle, ob sie es 30, 60 oder 90 Sekunden lang unter der kalten Dusche aushielten.

Was geschieht beim Hitze-Kälte-Wechsel?

Beide Reize bedeuten einen leichten Stress für die Blutgefäße. Bei Kälte ziehen sie sich zusammen, bei Wärme dehnen sie sich aus. Dieser Wechsel führt zu stärkerer Durchblutung, auch gibt es Hinweise auf eine Aktivierung des Parasympathikus nach Wechselduschen. Forscher der Universität Jena konnten nach regelmäßigen kalten Güssen am Oberkörper eine erhöhte Zahl an der für die Immunabwehr wichtigen weißen Blutkörperchen messen.

Dr. Maximilian Schubert äußert sich dazu wie folgt.
"Die kalte Dusche oder das Tauchbecken nach der Sauna haben ähnliche Effekte wie die Kältekammer, aber nicht dieselbe Intensität an Entzündungslinderung. Eine kalte Dusche am Morgen ist schon ab zehn Sekunden wirksam. Besser sind 30 Sekunden. Tauchbäder nach der Sauna können Sie länger machen, da die Körperoberfläche stark erhitzt war. Der Kältereiz ist zwar stärker, die Tiefenwirkung der Kälte kommt aber erst etwas später im Gewebe an."

Demnach scheint das gesamte Spektrum der kneippschen Anwendungen gesundheitsförderliche Effekte aufzuweisen, nur eben unterschiedlich starke. Das können sowohl Wechsel-Fußbäder, als auch Wassertreten, Schneetreten oder kalte Armbäder sein.

Ganz einfach in den Alltag zu integrieren ist das Wechselduschen, das wie folgt funktioniert: Heiß beginnen, herzfern mit dem Duschkopf kreisen, dann auf kalt stellen. Das Ganze zweimal wiederholen und kalt enden. Das Wasser nur mit den Händen abstreifen und so die Verdunstungskälte noch etwas nutzen.

Ob Kryokammer bei -110 Grad oder Kneippkur und kalte Duschen zuhause – in jedem Fall gilt: Kältetherapie kann eine gesunde Lebensweise nur ergänzen, niemals ersetzen.

Veröffentlicht am 30.08.2021

Publication date

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