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Gesundheit
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Veröffentlicht am 10.10.2022

„Vieles spricht dafür, dass SIBO zu den wichtigsten Auslösern eines Reizdarms zählt“

Ein gesunder Darm braucht Bakterien. Wenn sich diese aber an der falschen Stelle tummeln, kann es zu gesundheitlichen Problemen wie Reizdarm kommen. Unser Experten-Interview führt uns auf die Spur zu einer neuartigen Behandlungsmethode.

Frau in Unterwäsche mit aufgemaltem Darm

“Small Intestinal Bacterial Overgrowth”, kurz SIBO,
heißt die Darmerkrankung, bei der sich Dickdarmbakterien
fälschlicherweise im Dünndarm ausbreiten. Bildnachweis: iStock/SolStock

Für ein gesundes Darmmikrobiom sind Bakterien wichtig. Aber: Die meisten von ihnen haben ihren Platz im Dickdarm. Verirren sie sich allerdings in größerer Anzahl in den Dünndarm, kann das gesundheitliche Probleme auslösen. Wie es genau dazu kommt und was die Folgen sind, erklärt uns die GU-Autorin und VITALISSIMO-Expertin Dr. Nicole Schaenzler.

Frau Dr. Schaenzler, lange galt ein Reizdarm als psychosomatisch, ja, als regelrecht eingebildete Krankheit ohne spezifische Ursache…

Tja, da sind wir direkt bei der wichtigsten Erkenntnis: Das Reizdarm-Syndrom ist nicht, wie jahrzehntelang so definiert, eine rein funktionelle Störung ohne organische Ursache. Es ist nicht psychisch bedingt. Ganz im Gegenteil. Heute kann man sicher sagen: Der Reizdarm ist durchaus ein organisches Leiden, hervorgerufen durch konkrete körperliche Veränderungen, die eindeutig im Darm lokalisiert sind.

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Störanfällig: Der Darm ist ein äußerst komplexes Organ. Bildnachweis: iStock/LightFieldStudios

Der komplexe Darm

Warum konnte man sich das Reizdarm-Symptom so lange nur diffus erklären?

Schauen Sie, der Darm ist ein unglaublich komplexes Organ. Er hat ein eigenes Immun-, Nerven- und Ökosystem. Verändert sich eines dieser Systeme, kann eine Kettenreaktion ausgelöst werden. Das erklärt, weshalb sich bei einem Reizdarm meist verschiedene Störungen im Darm finden lassen – wobei die eine Störung oftmals die andere bedingt und umgekehrt. In jüngster Zeit widmet sich die Organforschung intensiv dem Darm, und das führt letztlich auch zu einem neuen Verständnis für das Reizdarm-Symptom.

Wohin man schaut, überall ploppt das Stichwort „Mikrobiom“ auf…

Früher sprach man von „Darmflora“, heute nennt man es „Darmmikrobiom“1. Die Forschung dazu läuft quasi auf Hochtouren. Mit wirklich bahnbrechenden Erkenntnissen. Wie zum Beispiel, dass Darmbakterien eine Reihe von unterschiedlichen Botenstoffen produzieren, die nicht nur auf den Darm, sondern praktisch auf alle Systeme im Körper Einfluss nehmen. Das Darmmikrobiom wird deshalb inzwischen als eigenständiges Organ angesehen. Und sein Zustand kann über Gesundheit und Krankheit entscheiden.

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Aus der Mitte heraus: Das Darmmikrobiom über Gesundheit und Krankheit entscheiden. Bildnachweis: AdobeStock/Meeko Media

Unterwegs auf der „Darm-Hirn-Achse“

Letztens habe ich irgendwo den Begriff „Bauchhirn“ aufgeschnappt. Was muss man sich denn darunter vorstellen?

Naja, das Bauchhirn – Mediziner sagen dazu auch enterisches (also darmeigenes) Nervensystem – ist im ständigen Austausch mit dem Gehirn. Es ist ein dicht geknüpftes Nervennetz, das die Muskeln der Darmwand von der Speiseröhre bis zum After umschließt und das dem Nervensystem im Gehirn in vielen Punkten ähnelt. So haben beide Systeme dieselben Zelltypen und Rezeptoren, und sie produzieren die gleichen Botenstoffe, zum Beispiel Serotonin, Dopamin oder Acetylcholin.

Das Bauchhirn ist übrigens auch entscheidend für das Reizdarm-Symptom: Durchfall, Verstopfung, Bauchkrämpfe, Blähungen, also Verdauungsbeschwerden dieser Art können Folgen einer Regulationsstörung im Bauchhirn sein.

Das heißt also, Darm und Hirn haben einen direkten Draht zueinander?

Ja, in der Wissenschaft nennt man das „Darm-Hirn-Achse“. Darmbakterien stehen in ständigem Kontakt mit anderen Organen, aber sie tauschen sich eben auch mit unserem Immunsystem aus. Und wie man seit Kurzem weiß, sind sie außerdem eng mit dem sensiblen Nervennetz im Bauch verbunden. Auf diese Weise haben sie einen direkten Draht zum Gehirn.

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Darm-Hirn-Achse: Das Bauchhirn sendet mehr als es empfängt. Bildnachweis: AdobeStock/Aliaksandr Marko

Und in welche Richtung wird auf dieser „Darm-Hirn-Achse“ gesendet?

Das Bauchhirn sendet mehr Signale ans Gehirn als umgekehrt. Ganze 90 Prozent der Infos werden von unten nach oben gegeben.

Gibt es da einen bestimmten Kommunikationskanal?

Der direkte Weg auf der „Darm-Hirn-Achse“ führt über den Vagusnerv. Das ist eine der größten Hirnnerven, der sich vom Hirn bis in den Bauchraum, und zwar in den oberen Dickdarm, zieht. Der Vagusnerv verknüpft als die Nervenzellen des Darms mit dem Gehirn. Aber auch die Darmbakterien wirken rege mit, unter anderem mit Botenstoffen wie etwa Serotonin. Die Mikrobiomforschung
hält den Beitrag der Darmbakterien für so wichtig, dass sie von der „Mikrobiom-Darm-Hirn-Achse“ spricht.

Ein Push für Krankmacher

Und diese Bakterien sind es dann auch, die besonders anfällig sind?

Man muss sich das so vorstellen: Das Mikrobiom ist wirklich rund um die Uhr einer Vielzahl von unterschiedlichen Einflüssen ausgesetzt. Damit ist es natürlich störungsanfällig. Also, was wir essen, welche Medikamente wir einnehmen, ob wir krank, gestresst oder entspannt sind – all das beeinflusst unsere Darmbakterien. Wenn es ganz blöd läuft, gerät das Mikrobiom aus dem Lot und krankmachende Keime bekommen Oberwasser.

Antibiotika sind ja zum Beispiel ziemliche Störfaktoren für den Darm, oder?

Ja, die können schon für Turbulenzen sorgen. Antibiotika sind ja super effektiv in puncto Bakterienzerstörung. Dabei erwischen sie aber leider auch die „guten“ Bakterien im Mikrobiom. Das kann dann Durchfälle oder andere Beschwerden nach sich ziehen. Es gibt Studien, die zeigen, dass es ein Jahr lang dauern, bis die Schäden einer Antibiotika-Therapie im Darm-Mikrobiom wieder behoben sind. Übrigens auch ein möglicher Auslöser für chronische Reizdarm-Beschwerden. Und auch ein Grund, warum sich Bakterien an der für sie falschen Stelle im Darm ansiedeln können.

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Antibiotika können auch die „guten“ Bakterien im Mikrobiom zerstören. Bildnachweis: iStock/Elena Nechaeva

Und wie man heute weiß, ist auch für das Reizdarm-Syndrom eine veränderte Zusammensetzung der Darmbakterien charakteristisch…

Ja, und es wird immer klarer: Im Darmmikrobiom liegt sehr wahrscheinlich der Schlüssel für die Wahl der richtigen Behandlungsstrategie. Das Interessante: Es kommt nicht nur auf die Zusammensetzung der verschiedenen Bakterienarten an, sondern auch darauf, wo sich diese Bakterien befinden.

Wie muss ich mir das jetzt vorstellen? Ist Darm denn nicht gleich Darm?

Nein, denn der Darm kontrolliert die Bakterienverteilung in seinem Inneren streng. Darmbakterien sind vor allem im Dickdarm beheimatet, im Dünndarm kommen nur wenige und zudem überwiegend andere Bakterienarten vor.

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Darmbakterien gehören vor allem in den Dickdarm. Bildnachweis: AdobeStock/Alex

Bakterien auf Wanderschaft

Und wie können die Bakterien nun auf Wanderschaft gehen?

Das passiert, wenn die darmeigenen Maßnahmen zum Schutz vor so einer Wanderschaft durch bestimmte Auslöser ausgehebelt werden. Dickdarmkeime dringen dann ungehindert in den Dünndarm vor, sie setzen sich dort fest und überwuchern ihn. Mit weitreichenden Folgen: Der Dünndarm wird dadurch massiv in seiner Funktionsfähigkeit beeinträchtigt.

Eine neue Krankheit also?

Ja, kurz SIBO genannt, das steht für Small Intestinal Bacterial Overgrowth, also „übermäßiges bakterielles Wachstum im Dünndarm“. Mittlerweile hört man auch oft den Begriff „Overgrowth-Syndrom“.

Und was sind die Symptome von SIBO?

Die Auswirkungen reichen von behandlungsbedürftigen Vitamin- und Mineralstoffmängeln bis hin zu chronischen Darmschleimhautentzündungen oder einer ausgeprägten Immunschwäche. Die Beschwerden lassen sich von den typischen Symptomen eines Reizdarms kaum unterscheiden. Mit SIBO gibt es aber jetzt eine konkrete organische Ursache.

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Immer deutlicher wird: SIBO gehört zu den wichtigsten Auslösern des Reizdarmsyndroms. Bildnachweis: AdobeStock/MarekPhotoDesign.com

Schon mal was von SIBO gehört?

Kann man denn sagen, wer hauptsächlich betroffen ist?

Es sind zwar noch viele Fragen offen, aber inzwischen spricht vieles dafür, dass SIBO zu den wichtigsten Auslösern eines Reizdarms gehört. Aktuelle Studien sowie zwei Metaanalysen legen nahe, dass die Anzahl der SIBO-Patienten auf jeden Fall deutlich höher ist als lange Zeit gedacht. Bei etwa der Hälfte der Patienten mit Reizdarm-Beschwerden kann man eine bakterielle Fehlbesiedelung des Dünndarms nachweisen. Es könnten sogar mehr als 60 Prozent, womöglich sogar bis zu 75 Prozent der Patienten mit einem diagnostizierten Reizdarm-Syndrom an SIBO erkrankt sein. Die Zahl der SIBO-Betroffenen geht also in die Millionen.

Das heißt aber auch, ganz viele wissen noch nichts davon?

In der Tat ist SIBO eine unterdiagnostizierte Erkrankung. Viele der Patientinnen und Patienten wissen nichts davon, dass sich in ihrem Dünndarm Bakterien sind, die dort nicht hingehören. Das bedeutet also auch, dass sie nicht die Therapie bekommen, die sie bräuchten.

Haben Sie denn eine Empfehlung für diejenigen, die das jetzt lesen und den Verdacht haben, sie könnten betroffen sein?

Bei anhaltenden Bauchbeschwerden sollten sie auf jeden Fall ihren Arzt oder ihre Ärztin aufsuchen und das Thema Dünndarmfehlbesiedlung gemeinsam abklären.

Vielen Dank für diese spannenden Einblicke, liebe Frau Dr. Schaenzler. Wer weitere Infos zum Thema SIBO, Reizdarm und Behandlungsmöglichkeiten erhalten möchte, findet diese im neuesten Buch von Dr. Nicole Schaenzler:

Endlich Heilung für den Reizdarm

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1 Anm. d. Red.: mikro = klein, biom = Großlebensraum, vorherrschende Lebensgemeinschaft

Cover von "Endlich Heilung für den Reizdarm"
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Cover: Superorgan Mikrobiom
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