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Gesundheit
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Veröffentlicht am 17.10.2022

SIBO: Neue Ansätze für die Behandlung von Reizdarm

SIBO ist einer der entscheidendsten Auslöser für das Reizdarm-Syndrom. Das wirft ein neues Licht auf Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten…

Frau hält Modell eines Darms

Wenn Bakterien im Dünndarm die Oberhand gewinnen, kann das zur Diagnose SIBO führen. Bildnachweis: iStock/LightFieldStudios

Lange Zeit galt Reizdarm als Verdauungsproblem ohne organische Ursache. Heute wird immer deutlicher: Eine Dünndarmfehlbesiedelung (SIBO) ist einer der entscheidendsten Auslöser für das Reizdarm-Syndrom. Entstehung, Symptome, Behandlung – deshalb sollte die SIBO-Diagnostik zum Standard werden…

Es ist noch gar nicht so lange her, dass Studentinnen und Studenten der Medizin lernten, Magen und Dünndarm seien quasi frei von Bakterien. Heute wissen wir, dass das falsch ist. Und noch mehr: Die Bakterienfehlbesiedlung des Dünndarms ist eine Krankheit, kurz SIBO (für „Small Intestinal Bacterial Overgrowth“) genannt.

Diese Krankheit lässt sich mittlerweile nachweisen und zählt zu einem der wichtigsten Auslöser für Reizdarm. Für Patientinnen und Patienten kann die Diagnose SIBO neue Behandlungschancen eröffnen.

Was bedeutet die Diagnose SIBO?

Anders als früher wissen wir heute: Im Dünndarm sind Bakterien am Werke, die der Verdauung zuträglich sind. Es können sich aber auch fremde Bakterien aus Magen (also von oben) oder Dickdarm (von unten) dorthin verirren. Wenn die Keime aus dem Dickdarm stammen und den Dünndarm überwuchern, nennen die Mediziner diese Fehlbesiedlung SIBO.

Die Erkrankung SIBO kann sehr unangenehm und hartnäckig verlaufen. Außerdem bedarf sie einer individuellen und ganzheitlichen Therapie. In Deutschland ist SIBO noch ein junges Forschungsfeld, in den USA oder Australien ist man in Hinblick auf Diagnostik und Therapie einen Schritt voraus. So sind bereits bewährte Gegenmittel hierzulande noch nicht erhältlich.

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Störungen im Magen-Darm-Trakt: Eine bakterielle Fehlbesiedlung des Dünndarms kann die Ursache sein. Bildnachweis: iStock/Tharakorn

Keimdichte im oberen Dünndarm entscheidend

Bei der Diagnose SIBO haben sich in großer Anzahl Bakterienarten im Dünndarm angesiedelt, die normalerweise nur im unteren dicken Abschnitt des Darms vorkommen: Bacteroides, die häufigste Bakterienart im Dickdarm, aber auch Clostridien (Firmicutes-Gruppe) oder verschiedene Bifidobakterien-Arten.

Das ungünstige Zusammenspiel: Dickdarmbakterien sind grundsätzlich gefräßig, weshalb der Dünndarm ein wahres Schlaraffenland für sie darstellt. Sie haben Zugriff auf Nährstoffe, und zwar in noch nicht verdauter Form, die sie für ein ungehindertes Wachstum benötigen. Der Körper hat dabei das Nachsehen, denn er bekommt dadurch weniger Nährstoffe ab. Der Beginn eines Teufelskreises.

Für den medizinischen Befund von SIBO gibt es einen Normwert, der die Dichte der Bakterien beschreibt. Viele Ärzte stellen bei einem Wert von 103 (also 1.000 Keimen pro Milliliter Dünndarmsaft) die Diagnose „bakterielle Dünndarmfehlbesiedelung“ fest.

Die Ursachen von "Small intestinal bacterial overgrowth"

SIBO kann entstehen, wenn der Durchgang von Nahrungs- und Abfallprodukten im Verdauungstrakt verlangsamt wird. Das kann aufgrund von folgenden Voraussetzungen der Fall sein:

  • Höheres Lebensalter
  • OPs im Bauchraum (z.B. Magenbypass, Teilentfernung des Dünndarms)
  • Anatomische Veränderungen (u.a. Divertikel, Darmschlingen, Fisteln, Verwachsungen und Verklebungen aufgrund von Operationen)
  • Erkrankungen des Verdauungstrakts (z.B. Magen-Darm-Infekte, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn, Zöliakie, Gallensteine)
  • Systemische Erkrankungen (Immunschwäche, Krebs der Bauch- oder Unterleibsorgane, Hashimoto-Thyreoiditis, Leberzirrhose)
  • Systemische Erkrankungen mit einer Schädigung von Darmnerven und verminderter Darmtätigkeit (langjähriger Diabetes, Parkinson, Sklerodermie)
  • Andere Fehlfunktionen wie Bauchspeicheldrüsenschwäche, Schilddrüsenunterfunktion, Nahrungsmittelunverträglichkeiten wie Laktoseintoleranz, Glutenunverträglichkeit etc.
  • Magensäuremangel
  • Mangel an Verdauungsenzymen oder Gallenflüssigkeit
  • Medikamente (Magensäureblocker/Protonenpumpenhemmer, Antibiotika, nicht-steroidale Antirheumatika wie Ibuprofen, Immunsuppressiva, Opioide, Chemotherapeutika/Strahlentherapie)
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Medikamente wie Magensäureblocker oder Protonenpumpenhemmer können die Entstehung von SIBO beeinflussen. Bildnachweis: AdobeStock/Elena

SIBO und Helicobacter pylori

Ein Befall mit Bakterien vom Typ Helicobacter pylori kann ebenfalls SIBO hervorrufen, wie Studien zeigen. So konnten chinesische Wissenschaftler nachweisen, dass sich mit einer medikamentösen Behandlung von Helicobacter auch die Symptome einer Dünndarmfehlbesiedlung verbesserten.

Allerdings kann durch eine sogenannte Eradikationstherapie gegen Helicobacter pylori auch der umgekehrte Fall eintreten und die Entstehung von "Small intestinal bacterial overgrowth" befeuert werden.

Typische Beschwerden bei SIBO

Eine Dünndarmfehlbesiedelung kann unterschiedlichste Symptome auslösen:

  • Blähungen (siehe unten)
  • (krampfartige) Bauchschmerzen
  • aufgetriebener, druckempfindlicher Bauch
  • Abgang von (stinkenden) Darmwinden
  • Völlegefühl und Mundgeruch
  • Aufstoßen, Sodbrennen und/oder Reflux (als Folge der Darmgase)
  • Verstopfung
  • Durchfall (Hauptsymptom, wenn Darmbakterien den Dünndarm überwuchern)
  • unverdaute Nahrungsbestandteile im Stuhl
  • Vitaminmangel und andere Nährstoffdefizite bis hin zu Mangelerkrankungen
  • Nahrungsmittelunverträglichkeiten wie Histamin-, Laktose- und/oder Glutenunverträglichkeit
  • Gewichtsverlust
  • Gewichtszunahme/Übergewicht in Kombination mit Darmträgheit beziehungsweise Verstopfung, hervorgerufen durch methanbildende Mikroorganismen

Bei SIBO können diverse Beschwerden als Begleiterscheinungen dieser bakteriellen Fehlbesiedlung des Dünndarms folgen, wie eine eingeschränkte körperliche Leistungsfähigkeit, Konzentrationsstörungen, Brain Fog, Müdigkeit, Erschöpfung, depressive Verstimmungen, Angststörungen, Hautprobleme, Kopf- und/ oder Gelenkschmerzen.

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Wunschzustand flacher Bauch? Bei Blähungen und aufgetriebenem Bauch kann eine Fehlbesiedlung des Dünndarms ursächlich sein. Bildnachweis: AdobeStock/pucko_ns

Das Hauptsymptom bei SIBO: Blähungen

Das Krankheitsbild zeigt sich bei SIBO individuell und sehr unterschiedlich – sowohl, was die Art und Kombination der Beschwerden betrifft, als auch, wann und in welcher Intensität sie auftreten. Wer die folgenden Symptome bei sich beobachtet, sollte eine ärztliche Untersuchung auf SIBO andenken:

Ein aufgetriebener Bauch und starke Blähungen, die oft von (krampfartigen) Bauchschmerzen und Durchfall begleitet werden, sind die Hauptsymptome, die auf eine bakterielle Fehlbesiedlung des Dünndarms hindeuten können.

Die Kombination von ausgeprägten Blähungen und anhaltender Verstopfung kann auf eine Methan-dominante Form von "Small intestinal bacterial overgrowth" hindeuten. Diese wird IMO (kurz für Intestinal Methanogen Overgrowth) genannt: Sinngemäß übersetzt steht das für die „übermäßige Zunahme der Methangase im Darm“.

Beschwerden in Zusammenhang mit der Nahrungsaufnahme

Die Beschwerden bei SIBO lassen sich in den meisten Fällen mit dem Essen in Verbindung bringen:

  • Die Beschwerden stellen sich innerhalb der ersten Stunde, oft etwa 40 bis 60 Minuten nach dem Essen ein.
  • Die Beschwerden nehmen im Laufe des Tages zu, am Abend sind sie besonders stark.
  • Kohlenhydratreiche Mahlzeiten wie Pasta oder Pizza verschlimmern die Beschwerden.
  • Die Einnahme von Probiotika hat keinen positiven Einfluss auf die Symptome oder verstärkt die Beschwerden sogar.

In diesen Situationen verbessern sich die Beschwerden:

  • nach einer längeren Nüchternphase zum Beispiel am Morgen oder in der Nacht
  • bei geringer Nahrungsaufnahme
  • bei (weitgehendem) Verzicht auf Kohlenhydrate

Um den individuellen SIBO-Beschwerdeverlauf genauer zu identifizieren, lohnt es sich, ein Symptomtagebuch zu führen. Beschwerden in Zusammenhang mit der Nahrungsaufnahme können dann genauer mit dem Arzt analysiert werden.

SIBO und Reizdarm

Auf der Suche nach Ei und Henne: Entsteht Reizdarm als Folge von SIBO? Oder folgen der Erkrankung SIBO Reizdarmsymptome? Noch sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Suche nach noch genaueren Antworten.

Fest steht jedoch: Eine bakterielle Dünndarmfehlbesiedlung kann mit Tests nachgewiesen werden. Folgt der Diagnose eine Behandlung, können auch viele Menschen die Beschwerden durch Reizdarmsymptome erfolgreich linden. Die SIBO-Diagnostik sollte deshalb Standard werden, wenn ein Verdacht auf Reizdarm besteht.

Invasive SIBO-Untersuchung ist aufwendig

Der Nachweis von Bakterien, die den Dünndarm fehlbesiedeln lässt sich mit Hilfe einer endoskopischen Untersuchung darstellen. Das ist allerdings mit Aufwand verbunden und kostspielig. Nicht zuletzt ist dafür ein invasiver Eingriff unter Narkose erforderlich. Denn: Der Dünndarm ist schwer zugänglich, da er zum einen in der Mitte des Verdauungstraktes liegt, zum anderen mit sechs Metern sehr lang ist.

Selbst mit detaillierten Betrachtungen via Koloskopie oder Doppelballon-Enteroskopielässt lässt sich der Dünndarm nicht in einem einzigen Durchgang genau beleuchten.

Deshalb wird entweder der obere Bereich des Dünndarms im Rahmen einer Magen-, Speiseröhren-oder Dünndarmspiegelung untersucht, oder aber der untere Abschnitt im Rahmen einer Spiegelung des Dickdarms.

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Einmal pusten, bitte! So funktioniert der Atemtest zum Nachweis von SIBO. Bildnachweis: iStock/marekuliasz

So funktioniert der SIBO-Atemtest

Es gibt eine Alternative zur invasiven Diagnostik von SIBO. Eine bakterielle Fehlbesiedlung des Dünndarms kann auch mit einem Atemtest nachgewiesen werden. Hier werden nicht die Bakterien ermittelt, sondern die Konzentration ihrer Stoffwechselprodukte, also Wasserstoffgas (Hydrogen, H2), das entsteht, wenn Dickdarmbakterien Kohlenhydrate aus der Nahrung fermentieren.

Wasserstoffgas gelangt durch die Wand des Darmes in den Blutkreislauf und zur Lunge. So kann es in der Atemluft nachgewiesen werden. Die Untersuchung erfolgt mit einem elektrochemischen Gerät, das an einen Alkoholmesser erinnert.  

Der SIBO-Atemtest ist mittlerweile eine anerkannte, wenngleich nicht unstrittige Methode. Zum einen ist er störanfällig, insbesondere was die Dauer des Tests anbelangt. Zum anderen variieren die Messgrößen von Land zu Land.

SIBO-Selbsttest: Atemtest für zu Hause

Mittlerweile gibt es den Atemtest zum Nachweis von SIBO bereits als Selbsttest für zu Hause. Mithilfe eines Mundstücks inklusive Vakuumröhrchen wird die Atemluft transportfähig und kann unkompliziert in ein entsprechendes Labor eingeschickt werden. Nach der Auswertung erhalten Sie das Testurteil durch einen SIBO-Arzt oder Ärztin, der oder die im besten Fall auch gleich Therapiemöglichkeiten formuliert.

Wichtiges Detail: Für den Atemtest ist eine Laktulose-Lösung notwendig, die Sie für einen Selbsttest in der Apotheke besorgen müssen. Ein SIBO-Atemtest-Kit für zu Hause kostet rund 125 Euro.

Hat der Körper einen Selbstschutz gegen SIBO?

Ja, der Körper kann Schwankungen einer bakteriellen Besiedlung des Dünndarms entgegenwirken. Zum einen funktioniert das Schutzschild nach außen, als Abwehr gegen krankheitserregende Bakterien aus der Nahrung. Zum anderen kann die körpereigene Abwehr verhindern, dass Bakterien ihren eigentlichen Standort im Dickdarm verlassen.

An diesen Regulationsmechanismen sind antibakterielle Substanzen wie die Magensäure, das darmeigene Immunsystem, die in der Schleimhaut des Dünndarms gelegenen Paneth-Zellen, die antibiotische Stoffe produzieren, und die Ileozäkalklappe, die als anatomische Barriere zwischen Dünndarm und Dickdarm beteiligt.

Praktisch: Der Dünndarm verfügt über einen Mechanismus zur Selbstreinigung, der Bakterien wie ein Türsteher regelreicht hinauswirft. Es handelt sich dabei um den migrierenden motorischen Komplex, kurz MMC.

Gestörter MMC als Ursache für SIBO

SIBO-Wissenschaftler sind überzeugt davon, dass ein fehlender MMC einer bakteriellen Fehlbesiedlung des Dünndarms Vorschub leisten kann.

Mark Pimentel, der Pionier der SIBO-Forschung (siehe weiter unten), geht sogar davon aus, dass bei den meisten SIBO-Patientinnen und Patienten der migrierende motorische Komplex um mehr als 70 Prozent in seiner Aktivität reduziert ist.

Nun ist die Frage: Welche Faktoren können das Selbstreinigungsprogramm beeinträchtigen, so dass der Dünndarm sich nicht mehr ausreichend schützen kann?

Krankheiten und Medikamente schwächen den MMC

Gestörte Signalübertragungen auf der Darm-Hirn-Achse über den Vagusnerv sowie Erkrankungen wie Diabetes oder eine Autoimmunerkrankung können denn MMC stören oder sogar komplett lähmen. Ebenso beeinträchtigen verschiedene Medikamente wie Antidepressiva, Diabetes-Medikamente oder auch Levodopa zur Behandlung von Parkinson die Beweglichkeit des Darms.

Die meisten SIBO-Patientinnen und Patienten sind allerdings weder an Diabetes erkrankt, noch nehmen sie regelmäßig starke Medikamente ein. Aber: Sie haben vielleicht vor einiger Zeit eine Lebensmittelvergiftung durchgemacht oder sich auf Reisen eine akute Durchfallerkrankung zugezogen.

Denn schon länger ist bekannt, dass bei Menschen mit entsprechender genetischer Disposition ein überstandener Darminfekt das Beschwerdebild eines Reizdarms mit chronischem Durchfall hervorrufen kann. Die auslösende Infektion kann dabei schon Wochen oder sogar Monate zurückliegen.

So stärken Sie den MMC

  • Lieber fünf Stunden Pause zwischen den Mahlzeiten als fünf Portionen pro Tag
    Denn: Der MMC funktioniert nur, wenn nichts verdaut werden muss. Also: Snacks und Zwischenmahlzeiten besser weglassen. Sogar ein kalorienhaltiges Getränk – ein Fruchtsaft, der gesüßte Tee, das alkoholfreie Bier – stoppt den MMC augenblicklich. Deshalb plädieren immer mehr Ärzte und Ernährungswissenschaftler dafür, mindestens vier, besser fünf Stunden Pause zwischen den Mahlzeiten einzulegen und über Nacht mindestens zwölf Stunden zu fasten. Auch Intervallfasten trägt zu einer Stimulierung des MMC bei.
  • Weniger Stress und mehr Entspannung
    Studien zeigen, dass Stress ein weiterer wichtiger Störfaktor für den MMC ist. Eine gute Möglichkeit, Stress abzubauen, ist regelmäßige körperliche Aktivität, etwa die Ausübung einer Ausdauersportart wie Joggen, Radfahren oder Schwimmen. Zugleich wirkt sich das positiv auf die natürlichen Bewegungen des Darms aus. Entspannungstechniken wirken sich ebenfalls positiv auf den MMC aus.
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Mehr Entspannung im Alltag – das tut auch dem Darm gut. Bildnachweis: iStock/FluxFactory

SIBO durch eingeschränkte Darmmotilität

Mittlerweile kennt man den Zusammenhang zwischen SIBO und Erkrankungen wie Diabetes und Schilddrüsenunterfunktion (z.B. als Folge von Hashimoto-Thyreoiditis). Beide Krankheiten können die Bewegungsabläufe im Darm stark stören.

Bildet die Schilddrüse nicht ausreichend Hormone, wird nicht nur die Darmmotilität eingeschränkt, sondern auch die darmeigene Reinigungsfunktion. Bakterien haben dann leichtes Spiel, sich im Dünndarm anzusiedeln. Ein Diabetes wiederum kann ebenfalls die Beweglichkeit des Darms und damit den MMC (siehe weiter oben) erheblich stören. In diesem Fall ist eine Schädigung der Nerven im Darm infolge eines hohen Blutzuckerspiegels ursächlich.

Das verschafft Abhilfe: Eine verminderte Darmbeweglichkeit kann man mit Medikamenten, sogenannten Prokinetika, behandeln. Es kann sogar notwendig sein, dass verschreibungspflichtige Prokinetika nach erfolgter SIBO-Therapie als Dauertherapie eingesetzt werden. Auch natürliche Prokinetika haben sich bewährt, allen voran eine standardisierte Kombination aus Bittere Schleifenblume, Angelikawurzel, Kamillenblüten, Kümmelfrüchten, Mariendistelfrüchten, Melissenblättern, Pfefferminzblättern, Schöllkraut und Süßholzwurzeln (Iberogast®). Auch Ingwer wirkt als natürliches Prokinetikum, allerdings nur in hoher Dosierung (1000 Milligramm).

SIBO durch zu wenig Magensäure

Wenn zu wenig Magensäure, zu wenig Gallensäure und/oder zu wenig Verdauungssäfte produziert werden, zum Beispiel durch eine Schilddrüsenunterfunktion, kann sich das ebenfalls auf den Dünndarm auswirken. Denn fehlen Schilddrüsenhormone, bilden die Belegzellen der in der Schleimhaut des Magens gelegenen Drüsen nicht genug Magensäure.

Erkrankungen des Magens wie eine Helicobacter-pylori-Infektion, eine atrophische Gastritis oder eventuell auch die Einnahme von Protonenpumpenhemmern sind ebenfalls häufige Gründe für eine verringerte Bildung von Magensäure. Die natürlichen Bollwerke gegen eine bakterielle Besiedelung über die Ernährung fallen dadurch aus, einer Entstehung von SIBO ist dadurch Tür und Tor geöffnet.

Die Therapie von SIBO

Ursachenbekämpfung

Im Idealfall lässt sich die Ursache für die bakterielle Fehlbesiedelung des Dünndarms gut behandeln. Es kann sein, dass Medikamente verschrieben werden, ein Mangel ausgeglichen werden muss, oder aber eine zugrundeliegende chronische Erkrankung idealer eingestellt werden muss. Auch eine Operation kann erforderlich sein, wenn eine anatomische Ursache (z.B. eine Fistel) besteht.

Wenn die Ursache für SIBO zwar erkannt wird, aber nicht behoben werden kann, bleibt die Behandlung darauf beschränkt, die Symptome zu mildern.

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Diagnose SIBO: Die Ernährung kann den Behandlungserfolg beeinflussen. Bildnachweis: iStock/piotr_malczyk

Behandlung mit Antibiotika

Neben der Ursachenbehandlung steht die möglichst vollständige Beseitigung der fehlbesiedelnden Bakterien im Dünndarm im Fokus. Besonders wirksam erfolgt das mit Antibiotika. Am häufigsten wird dabei der Wirkstoff Rifaximin eingesetzt. Selbst Ärzte für Naturheilverfahren schätzen dieses Mittel, weil es gezielt im Dünndarm wirkt, ohne systemische Nebenwirkungen.

Leider hat Rifaximin in Deutschland nur die Zulassung als Medikament gegen Reisedurchfall und eine bestimmte Folge von Leberzirrhose. Eine Behandlung von SIBO oder eines Reizdarmsyndroms mit Durchfall als vorherrschendem Symptom gilt als Off-Label-Verwendung. Das heißt auch: Die gesetzlichen Krankenkassen erstatten die Kosten für die teure Behandlung in der Regel nicht.

Behandlung mit pflanzlichen Antibiotika

Studien ergaben, dass einige pflanzliche Antibiotika ebenso wirksam gegen SIBO sind wie pharmazeutische. Viele davon sind in Deutschland als Nahrungsergänzungsmittel zugelassen. Wichtig: Da auch pflanzliche Antibiotika gegen SIBO Neben- und Wechselwirkungen haben können, sollten sie nicht ohne therapeutische Beratung eingenommen werden.

Folgende pflanzliche Antibiotika werden gegen SIBO einzeln oder in Kombination eingesetzt:

  • Knoblauchextrakt Allicin: Auch wenn Knoblauch eigentlich zu den Nahrungsmitteln gehört, die SIBO-Symptome verstärken, sind seine therapeutischen Effekte als standardisiertes Phytopharmakon, insbesondere bei methandominanter SIBO, durch Studien belegt.
  • Oreganoöl in Kapseln oder als Öl: Hier ist Vorsicht geboten, da Oreganoöl eine blutverdünnende Wirkung hat – Patienten und Patientinnen, die Blutverdünner einnehmen, sollten darauf verzichten. Außerdem kann Oreganoöl die Aufnahme von Eisen hemmen.
  • Berberin, ein aus der Berberitze gewonnenes Alkaloid
  • Neemextrakt, gewonnen aus dem indischen Niem-Baum

Ernährung bei SIBO und SIBO-Diäten

Eine Diät allein kann eine bakterielle Fehlbesiedlung des Dünndarms zwar nicht auskurieren, sie hilft aber insbesondere dabei, schnell eine deutliche Besserung der akuten Beschwerden zu erlangen.

Low-FODMAP-Diät bei SIBO

Die Low-FODMAP-Diät wurde von Forschern der Monash University in Melbourne (Australien) vor einigen Jahren zur Linderung von Reizdarmbeschwerden entwickelt und in breit angelegten Studienprogrammen getestet. Viele Ärztinnen und Ärzte bezeichnen sie deshalb als medizinische Kostform, da sie wissenschaftlich belegt ist.

Eines gleich vorweg: Eine Low-FODMAP-Diät eignet sich nicht als dauerhafte Ernährungsweise, sondern wird in der Regel als zeitlich begrenzte Umstellung durchgeführt. Außerdem sollte sie unbedingt von einem erfahren Arzt oder einer erfahrenen Ärztin oder Ernährungsberater bzw. Ernährungsberaterin beaufsichtigt werden. Bei dieser Diätform werden sehr viele Nahrungsmittel vom Plan genommen, wodurch die Gefahr einer Mangelernährung entstehen kann. Die erste Phase der Low-FODMAP-Diät sollte nie länger als acht Wochen dauern. Manche Ärztinnen und Ärzte plädieren sogar dafür, dass eine Dauer von sechs Wochen zunächst nicht überschritten werden sollte.

Der Begriff FODMAP steht für „fermentable oligo-, di- and monosaccharides and polyols“, was wiederum vergärbare kurzkettige Kohlenhydrate meint, also Mehrfach-, Zweifach- und Einfachzucker sowie Zuckeraustauchstoffe wie Sorbit, Xylit und Mannit (Polyole). Diese FODMAPs kommen unterschiedlich häufig in verschiedenen Lebensmitteln vor. Viele von ihnen gehören zu den darmgesunden (präbiotischen) Substanzen, weil ein Teil von ihnen dem Darmmikrobiom die für ihn so wichtigen Ballaststoffe liefert und für die schleimhautschützenden Darmbakterien-Stämme unentbehrlich ist.

Grundlage der Low-FODMAP-Diät ist die Einordnung der Nahrungsmittel in FODMAP-reich und FODMAP-arm. Hierfür arbeiten Sie am besten mit speziellen FODMAP-Tabellen. Empfehlenswert ist zum Beispiel die kostenpflichtige (auch deutschsprachige) FODMAP-Diät-App der Monash University, die zudem regelmäßig aktualisiert wird.

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Die Low-FODMAP-Diät wird bei SIBO oft empfohlen. Bildnachweis: iStock/ljubaphoto

Die drei Phasen der FODMAP-Diät

In Deutschland unterteilen Expertinnen und Experten die Low-FODMAP-Diät in drei Phasen. Zunächst werden dabei FODMAP-reiche Lebensmittel für zwei bis sechs Wochen vom Speiseplan gestrichen. Dann werden in einem nächsten Schritt die verschiedenen FODMAP-haltigen Nahrungsmittel oder Nahrungsbestandteile nach und nach wieder integriert, bis schließlich eine dauerhafte, individuell auf den Betroffenen abgestimmte FODMAP-reduzierte Ernährungsweise gefunden wurde.

Die erste Phase: Der Einstieg in eine Low-FODMAP-Diät erfordert Disziplin. Es darf nur das gegessen werden, was auf der Liste der FODMAP-armen Nahrungsmittel geführt wird. Während dieser Zeit sollten Sie Obst und Gemüse nicht roh, sondern nur gegart essen. Zwiebeln und Knoblauch sind besonders FODMAP-reich und müssen deshalb bei einer Low-FODMAP-Diät gemieden werden. Wer auf den Geschmack nicht verzichten möchte, kann Zwiebeln und Knoblauch in Öl anbraten, sie anschließend herausnehmen und dann nur das Öl verwenden. FODMAP-arme und während der Diät erlaubte Alternativen sind Zwiebel-Öl, Knoblauchöl, Schnittlauch, der grüne Teil von Frühlingszwiebeln oder auch das indische Gewürz Asafoetida-Pulver.

Die zweite Phase: Basisernährung der zweiten Phase bleibt eine FODMAP-arme Kost. Die zweite Phase wird aber auch als Testphase bezeichnet, weil nun nach und nach wieder Lebensmittel auf den Speiseplan gesetzt werden, die einen hohen FODMAP-Gehalt haben. Diese Phase, die acht bis zehn Wochen dauern kann, ist auch eine Schlüsselphase: Nun entscheidet sich, was Sie künftig problemlos essen dürfen – und was Sie besser meiden sollten, um SIBO in den Griff zu bekommen. Wichtig ist, langsam vorzugehen: Wählen Sie nur ein Nahrungsmittel pro Tag aus und warten Sie drei Tage, bis das nächste FODMAP-haltige Lebensmittel dazukommt. Eine therapeutische Begleitung ist insbesondere in der zweiten Phase unverzichtbar.

Die dritte Phase: Die letzte Phase der Diät kann man auch als individuell angepasste FODMAP-modifizierte Dauerernährung bezeichnen. Sie basiert auf der Balance zwischen einer gesunden, ausgewogenen Ernährung und einer guten Symptomkontrolle und enthält neben Lebensmitteln mit einem geringen beziehungsweise moderaten FODMAP-Gehalt auch FODMAP-reiche Lebensmittel. Es ist möglich, dass der Therapeut oder die Therapeutin weitere Testphasen vorschlägt.

Wichtig: Sollte trotz Low-FODMAP-Diät eine Besserung der SIBO-Symptome ausbleiben, sollten Sie unter professioneller Anleitung nach Alternativen suchen. Außerdem ist zu bedenken, dass sich die SIBO-Beschwerden durch eine Ernährungsumstellung zwar bessern können. Aber eine vollständige Heilung der Darmschleimhaut wird dadurch nicht erreicht.

Andere SIBO-Diäten

Neben der Low-FODMAP-Diät haben sich weitere Ernährungstherapien etabliert, die in Deutschland teilweise wenig bekannt sind. Einige wurden von den Pionieren der SIBO-Forschung entwickelt: die „Cedars-Sinai Low Fermentation Diet (C-SD)“ unter der Leitung von Mark Pimentel (siehe unten) oder die „Fast Tract Diet“ von Norm Robillard, eine extrem kohlenhydratarme Diät, die ebenfalls zur Linderung von Symptomen infolge einer Fehlbesiedlung von Bakterien im Dünndarm konzipiert wurde.

Was für die Low-FODMAP-Diät gilt, das gilt auch für andere Ernährungspläne: Ihre Umsetzung sollte engmaschig von einem Arzt/einer Ärztin oder einem Ernährungsberater/einer Ernährungsberaterin abgestimmt und begleitet werden.

SIBO-Pionier Mark Pimentel

Vieles, was die Medizin heute über das Krankheitsbild SIBO weiß, verdankt sie den Forschungsergebnissen des US-Gastroenterologen Mark Pimentel, der am Cedars-Sinai Medical Center in Los Angeles seit Jahren das Darmmikrobiom und seine Rolle bei der Entstehung von Reizdarm und anderen Erkrankungen untersucht.

Pimentel und seine Kolleginnen und Kollegen waren die Ersten, die in Studien einen Zusammenhang zwischen (vermeintlich) reizdarmbedingten Blähungen und einer überdurchschnittlich starken Besiedelung des Dünndarms mit Bakterien nachwiesen. 2011 fanden Pimentel und sein Team ein therapeutisches Mittel gegen "Small Intestinal Bacterial Overgrowth": das Breitbandantibiotikum Rifaximin (siehe oben), mit dem die Symptome in vielen Fällen erfolgreich behandelt werden können.

Weiterführende Literatur

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