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Veröffentlicht am 21.01.2022

Spiraldynamik-Therapie: Wo sie zum Einsatz kommt, was sie leistet

Wussten Sie schon: Wir Menschen sind 3D. Warum das so entscheidend ist, verrät uns Dr. med. Christian Larsen, der Mitbegründer der Therapieform Spiraldynamik

Grundlage der Spiraldynamik ist die Erkenntnis, dass unsere Wirbelsäule dreidimensional funktioniert. Bildnachweis: AdobeStock/jim

Wussten Sie schon: Wir Menschen sind 3D. Warum das so entscheidend ist, verrät uns Dr. med. Christian Larsen. Er ist Mitbegründer der Therapieform Spiraldynamik, die bei verschiedensten orthopädischen Problemen wie etwa dem Hallux valgus angewandt wird.

Herr Dr. Larsen, auf Ihrer Webseite habe ich gelesen, dass unsere menschliche Wirbelsäule 3D ist und die Mehrdimensionalität braucht. Wie muss sich ein medizinischer Laie das vorstellen?
DR. CHRISTIAN LARSEN: Die menschliche Wirbelsäule funktioniert ähnlich einem Duschschlauch: Sie ist dreidimensional beweglich, damit wir uns möglichst in alle Richtungen drehen und bewegen können. Beim Klettern, bei Wurfbewegungen oder einem Ringkampf sind die Vorteile einer dreidimensional beweglichen Wirbelsäule offensichtlich. Auch beim normalen Gehen und Laufen sorgt die bewegliche Wirbelsäule für einen lockeren und ökonomischen Laufstil. Es gibt noch einen tieferen Grund: die Evolutionsgeschichte! Fische bewegen sich durch Seitbewegungen fort. Bei Säugetieren dominieren Beuge- und Streckbewegungen – denken Sie an einen galoppierenden Gepard. Die menschliche Wirbelsäule kann sich zur Seite neigen, beugen und strecken sowie nach links und nach rechts drehen. Das können außer den Menschen nur noch Wale und Delfine. Die Urbewegung des Menschen ist der aufrechte Kreuzgang – die Wirbelsäule schraubt dabei abwechslungsweise nach links und nach rechts. Kurzum: Die menschliche „Wirbelsäule“ ist eine Säule die dreidimensional wirbeln kann und will.

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Bei den Tieren dominieren Beuge- und Streckbewegungen. Bildnachweis: AdobeStock/slowmotiongli

Und wie kann ich meiner Wirbelsäule diese Mehrdimensionalität im Alltag bieten, damit sie mich möglichst gut und lange durch mein Leben trägt?
Sie können beispielsweise, wenn jemand zur Tür reinkommt, sich aufrichten und dieser Person ihr Herz zu wenden. Das ist wörtlich zu verstehen: So verteilen Sie die Drehbewegung über die ganze Länge der Wirbelsäule, anstatt nur mit dem Kopf zu rotieren. Isolierte Kopfbewegungen führen zu Verschleiß in der Halswirbelsäule. Besser ist es, die Brustwirbelsäule mit einzubeziehen. Ist der Brustkorb dreidimensional beweglich, entlastet und schont dies die Hals- und die Lendenwirbelsäule. Wer den ganzen Tag mit rundem Rücken und Knick im Genick vor dem Bildschirm sitzt, darf sich nicht wundern.

Und beim Sport?
Das 3-D Prinzip gilt auch fürs Training: Egal ob Krafttraining, Tai Chi oder Atemübung – die allermeisten Übungen werden symmetrisch ausgeführt – ohne Rotation. Da waren die Yogis – die Erfinder des Drehsitzes – vergleichsweise clever: Seitneigung, Beugung-Streckung sowie intensive Drehungen der Wirbelsäule sind fester Bestandteil jeder Yogastunde. Die Kunst besteht darin, die dreidimensionale Bewegungsqualität in den eigenen Alltag und in die eigene Sportart zu integrieren – egal ob Yoga, Wandern, Schwimmen, Laufsport, Kegeln oder sonst was.

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"Das Spiralprinzip zieht sich wie ein roter Faden durch die menschliche Anatomie", so Dr. Christian Larsen. Bildnachweis: AdobeStock/Dewald

Die von Ihnen mitbegründete Spiraldynamik setzt da an, wo die meisten orthopädischen Probleme entstehen. Sie sagen, oft seien die Auslöser "zu wenig", "zu viel" oder "zu einseitig" in Hinblick auf die "spiralige Verschraubung unseres Körpers". Wie muss ich mir das vorstellen?
Das Spiralprinzip zieht sich wie ein roter Faden durch die menschliche Anatomie. Als Beispiele erwähnt seien die Kreuzbänder im Kniegelenk, die Drehscharnier-Beweglichkeit des Ellbogen, die Links-rechts-Verschraubung der Wirbelsäule oder das spiralförmige Fußgewölbe. Der Fuß ist ein gutes Beispiel um das "zu viel" oder "zu wenig" zu illustrieren: Zu wenig Verschraubung im Fuß bedeutet Knicksenkfuß, zu viel Verschraubung bedeutet Hohlfuß oder gar Klumpfuß. Eine Vielzahl orthopädischer Probleme von Kopf bis Fuß lassen sich auf diese Formel "zu viel, zu wenig, zu einseitig" bringen.
Das Problem bei der ganzen Geschichte ist, dass die meisten Menschen nie eine Bedienungsanleitung für den eigenen Körper bekommen haben. Im Schulsport geht es um höher weiter und schneller. Für die anatomisch gesunde Belastung der Füße werden Einlagen verschrieben, Hohlkreuz bei Kleinkindern und Rundrücken bei Teenagern werden achselzuckend in Kauf genommen, anstatt den Kindern das Einmaleins ihres Körpers beizubringen, so wie sie schreiben und rechnen lernen.

Und mit welchen Problemen kann ich zu Ihnen zur Spiraldynamik-Therapie kommen?
Ich selber habe während der letzten 30 Jahre über 50.000 Patientinnen und Patienten mit orthopädischen Problemen persönlich behandelt. Inzwischen gibt es ein Netzwerk von 1.000 engagierten TherapeutInnen und ÄrztInnen, die mit der Therapiemethode Spiraldynamik arbeiten. Wir behandeln Schmerzen und Einschränkungen, die durch anatomisch gesunde Bewegung positiv beeinflusst werden können. Immer dann, wenn chronische Fehlbelastung eine Rolle spielt, sind wir vorne mit dabei. Erprobte Beispiele sind Spannungskopfschmerzen, verspannte Muskeln im Nacken, Schulter-Impingement, Rundrücken und Skoliose, Bandscheibenprobleme, Arthrose der großen Gelenke wie Knie und Hüfte, Fuß- und Zehen-Deformitäten. Auf der Website therapie-index.com/index finden Sie Erste Hilfe für 72 verschiedene Krankheitsbilder.

Wie muss man sich die Spiraldynamik-Therapie vorstellen und wie lange dauert sie in der Regel?
Im Durchschnitt dauert eine Spiraldynamik-Therapie neunmal eine Stunde. Bei manchen Patienten klappt es schon nach vier bis fünf Mal, andere benötigen 20 Stunden. Es ist immer eine Frage, wie komplex das Problem ist, wie viele verschiedene Probleme es gibt und wie gut das Körperbewusstsein entwickelt ist.
Die Therapie gliedert sich in eine erste Phase mit Gelenk-Mobilisation und Weichteil-Techniken, gefolgt von Aktivübungen, die es anatomisch richtig in den eigenen Alltag zu integrieren gilt. Wir zeigen PatientInnen, was sie selbst zur Genesung beitragen können. Die Wirksamkeit dieses Ansatzes ist immer wieder verblüffend, wie inzwischen auch unsere wissenschaftlichen Outcome-Studien der letzten zehn Jahre belegen.

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Die Spiraldynamik kommt unter anderem bei Fußfehlstellungen wie dem Hallux valgus zum Einsatz. Bildnachweis: AdobeStock/photology1971

Kann ich die Anwendungen aus der Spiraldynamik in meinen Alltag integrieren?
Ja, alle Übungen sind alltagstauglich. Zudem weisen sie noch zwei weitere Charakteristika auf: Spiraldynamik-Übungen sind spezifisch auf das bestehende Problem zugeschnitten. Also nicht einfach "Kräftigung für alle Arten von Rücken- oder Knieschmerzen". Im Gegenteil: Für jedes spezifische Problem gibt es spezifische Übungen. Ein Übungs-Set für akute Bandscheibenprobleme, ein anderes Set bei Arthrose der kleinen Wirbelgelenke, noch ein anderes bei Spinalkanalstenose usw. Innerhalb eines Übungssets baut jede Übung auf der vorherigen auf. Wir gehen Schritt für Schritt vor: zuerst das Verständnis, dann die Wahrnehmung, dann die aktive Ausführung.

In diesem Frühjahr erscheint ihr neues Buch "Hallux valgus - Das 30-Tage-Programm für gesunde Füße" im GU Verlag. Darin sagen Sie, was durch Fehlbelastung entstanden sei, könne durch richtige Belastung zumindest teilweise korrigiert werden. Heißt das, ich kann mir mit der Lektüre Ihres Buches eine Fuß-OP ersparen?
Unsere Ergebnisse sehen so aus: Bei einem Viertel der Hallux valgus-PatientInnen können wir eine (Teil-) Korrektur der Fehlstellung erreichen. Bei einer weiteren Hälfte erreichen wir Schmerzfreiheit, das verbleibende Viertel überweisen wir dankbar an die Kollegen der Fußchirurgie. Der Outcome hängt vom Schweregrad der Fehlstellung sowie von der Geduld und Motivation des Patienten oder der Patientin ab. Das Lesen des Buches gibt einen guten Überblick über eine funktionelle Therapie nach Spiraldynamik. Um ganz ehrlich zu sein: Mit dem Buch alleine schaffen es nur die Wenigsten. Es braucht das Feedback eines Therapeuten um sicherzustellen, dass die Übungen korrekt ausgeführt werden.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Dr. Larsen.

Das Cover von "Hallux valgus. Das 30-Tage-Programm für gesunde Füße" von Dr. med. Christian Larsen im GU Verlag
Füße to go. Fußübungen für den Alltag, zu Hause und unterwegs. Ein Ratgeber aus dem GU Verlag.
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