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Veröffentlicht am 17.11.2022

Warum wir immer eine Wahl haben

Es lohnt sich, die Achtsamkeitslehre genauer zu betrachten, hält sie doch einen besonderen Schatz für uns bereit.

Frau, die Pusteblume bläst

Mehr als Aufmerksamkeit: Achtsamkeit wird in unserem Alltag von vielen Dingen überlagert.
Bildnachweis: iStock/ViktorCap

Achtsamkeit ist mitten in unserer Gesellschaft angekommen, ein geflügeltes Wort, das sich in den Titeln vieler Lifestyle-Magazine wiederfindet. Diese uralte Praxis, die ursprünglich aus dem Theravada Buddhismus stammt, ist auch heute noch von unschätzbarem Wert für uns. Es lohnt sich, die Achtsamkeitslehre genauer zu betrachten, hält sie doch einen besonderen Schatz für uns bereit: den Schlüssel zu innerer Freiheit und Unabhängigkeit.

Die Dinge so sehen, wie sie sind

Diese Zeit ist geprägt von Krisen und Veränderungen, denen wir uns oft hilflos ausgeliefert fühlen. Natürlich ist es richtig, dass wir auf viele Dinge keinen direkten Einfluss nehmen können, aber wir können entscheiden, wie wir darauf reagieren und welchen Umgang wir damit finden. Die Achtsamkeit spielt dabei eine wichtige Rolle.

Wir sehen die Dinge um uns herum in der Regel so, wie wir sie fürchten oder so, wie wir sie uns wünschen. Unsere Wahrnehmung ist von unseren individuellen Erlebnissen und Erfahrungen geprägt, sie ist konditioniert und von verschiedenen Filtern verfälscht, das Bild ist nicht klar. Besonders in unsicheren Zeiten neigen wir dazu, uns in Ängsten und Sorgen zu verlieren. Wir konsumieren selektiv Nachrichten und nähren damit unsere Befürchtungen und eine negative Zukunftserwartung.

Achtsamkeit als Schlüssel zu innerer Freiheit

Der Begriff Achtsamkeit beschreibt eine besondere Form der Aufmerksamkeit. Dabei handelt es sich um einen klaren Bewusstseinszustand, der jede innere und äußere Erfahrung im gegenwärtigen Moment registriert und zulässt, ohne sie zu bewerten. Diese besondere Qualität der Aufmerksamkeit muss erst freigelegt werden, denn sie ist überlagert von unseren individuellen Bewertungsmustern, unseren Sorgen, Ängsten und Wünschen.

Wer Achtsamkeit ernsthaft und regelmäßig praktiziert, spürt, dass sich nach und nach ein klarer und stabiler Geist entwickelt, auf den man auch in schwierigen Situationen zurückgreifen und sich mit einer neu gewonnenen inneren Ruhe und Klarheit verbinden kann. Das führt dazu, dass wir uns unseren Empfindungen und Ängsten nicht mehr so ausgeliefert fühlen. Mit fortschreitender Achtsamkeit sind wir fähig, innerlich einen Schritt zurückzutreten und uns mit unserer inneren Klarheit zu verbinden.

Es entsteht ein Bewusstsein dafür, dass alles nur momentan ist, vergänglich und konditioniert, und dass immer wir es sind, die entscheiden, wie wir auf Herausforderungen und äußere Umstände reagieren.

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Die Wahl haben: Wir können selbst entscheiden, wie wir auf äußere Einflüsse reagieren. Bildnachweis: Stocksy/Alba Vitta

Resilienz entwickeln

Diese Erkenntnis führt uns in eine neue innere Freiheit und Unabhängigkeit, die die Kraft hat, unser Leben zu verändern. Wir erfahren unsere Selbstwirksamkeit und können unser Dasein selbstbestimmt in eine positive Richtung lenken, indem wir bewusste und achtsame Entscheidungen treffen. Wir verlieren uns nicht mehr so schnell in Ängsten, sind in einem guten Kontakt mit uns selbst, entwickeln Selbstvertrauen und fühlen uns nicht länger hilflos und ausgeliefert.

Darüber hinaus erkennen wir, dass Glück und Lebensfreude nicht von äußeren Bedingungen oder Dingen abhängig sind, die doch stets konditioniert und vergänglich sind, sondern in dieser inneren Klarheit und Ruhe liegen. Auf der Grundlage wachsender Achtsamkeit entwickeln sich verschiedene Eigenschaften, die unsere seelischen Widerstandskräfte, unsere Resilienz stärken. Wir entwickeln Vertrauen in uns selbst und in den Lauf der Dinge, den wir vielleicht nicht immer beeinflussen können, aber wir trauen uns zu, einen gesunden Umgang damit zu finden. Darüber hinaus entwickeln wir ein Bewusstsein dafür, dass wir in unserem direkten Umfeld vieles verändern und einen Unterschied machen können.

Die richtige Ausrichtung der Achtsamkeit

Es gibt unterschiedliche Motive, aus denen heraus Menschen zur Achtsamkeit finden. Die Anwendungsfelder reichen von Stressbewältigung und Gesundheitsvorsorge über berufliche Kompetenz bis hin zu Selbsterfahrung und spiritueller Praxis. In all diesen Bereichen hat die Achtsamkeitspraxis bereits ihre Wirkkraft bewiesen. Die Intention, also die konkrete individuelle Motivation für das Üben ist dabei entscheidend für die Ausrichtung der Praxis.

Wenn Achtsamkeit heutzutage in unserer westlichen Kultur praktiziert wird, dann ist die Motivation dafür nicht unbedingt im ursprünglichen buddhistischen Kontext zu finden. Die Achtsamkeit übernimmt mehr und mehr eine funktionale Rolle. In den Bereichen, in denen die Menschen unter den Auswirkungen unserer postmodernen Gesellschaft leiden, versucht man es nun mit Achtsamkeit, wenn man mit anderen Mitteln nicht mehr weiterkommt. Es geht also stark um Selbstregulation, um in vorgegebenen Systemen besser funktionieren zu können.

Wer durch Achtsamkeitspraxis eine verbesserte Stresstoleranz erreicht hat, kann dann auch stärker belastet werden. Wir passen uns an, um im Hamsterrad immer schneller laufen zu können. Wo bleibt da der innere Freiraum? Achtsamkeit in ihrer eigentlichen ursprünglichen Ausrichtung kann so viel mehr als kompensieren. Der buddhistische Kern der Achtsamkeitslehre beinhaltet die Chance, den Weg in eine neue innere Freiheit zu finden und sich unabhängig zu machen von äußeren Umständen. Was aber bedeuten innere Freiheit und Unabhängigkeit?

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Achtsamkeit eröffnet Möglichkeiten, wie etwa den Weg in eine neue innere Freiheit. Bildnachweis: Unsplash/Ben White

Den Reiz-Reaktions-Mechanismus durchbrechen

Den Raum zwischen Reiz und Reaktion zu finden bedeutet, den Automatismus zu durchbrechen, der immer dann einsetzt, wenn wir unter Stress geraten. Wir alle haben im Laufe unseres Lebens individuelle Verhaltensmuster entwickelt. Unsere Reaktion auf äußere Reize, wie beispielsweise in der Kommunikation mit anderen, läuft fast vollständig automatisch ab. Wir nehmen eine Situation wahr und deuten und bewerten sie auf der Basis unserer bisherigen Erfahrungen.

Die dadurch entstehenden Gefühle lassen uns so reagieren, wie wir immer schon auf eine solche Situation oder ein ähnliches Ereignis reagiert haben. Dieser Reiz-Reaktions-Mechanismus läuft in Bruchteilen von Sekunden ab. Uns ist in dem Moment nicht bewusst, wie wir reagieren. Dieser Automatismus, der sich hier zwischen Reiz und Reaktion breitgemacht hat, ist individuell, konditioniert und konnte sich über viele Jahre hartnäckig in unseren Gewohnheiten einnisten. Aber die gute Nachricht ist: Er ist veränderbar. Wenn wir den Automatismus unterbrechen, finden wir den Ausgang und können mit fortschreitender Achtsamkeit in den Raum eintreten, in dem wir eine Wahl haben.

Achtsamkeitsübung

Hier kommt eine kleine Achtsamkeitsübung, ein Schlüssel, der helfen kann in Stressmomenten den automatisierten Reiz-Reaktions-Automatismus zu unterbrechen, zu sich zu kommen und aus der Mitte heraus eine bewusste Reaktion zu wählen. Sie besteht aus fünf kleinen Schritten und dauert nur wenige Sekunden. Satva ist ein Wort aus dem Sanskrit und bedeutet » Klarheit«. Die Anfangsbuchstaben helfen, die fünf Schritte zu verinnerlichen:

  • S: Stopp. Innehalten und innerlich einen Schritt zurücktreten. Versuchen Sie, die Situation mit ein wenig innerem Abstand zu betrachten.
  • A: Atmung. Verbinden Sie sich bewusst mit Ihrer Atmung, lassen Sie Ihre Atemzüge länger und feiner werden.
  • T: Tempel. Am Ende der langen Ausatmung können Sie für einen Moment in Ihre Mitte eintauchen, den inneren Tempel.
  • V: Verbindung. Kommen Sie zurück in die Situation und verbinden Sie sich mit Ihrer Umgebung und den beteiligten Personen.
  • A: Agieren. Was möchten Sie jetzt tun? Was ist hilfreich für Sie und die Situation? Agieren Sie bewusst.

Die Kraft der inneren Einstellung

Es gibt immer wieder Dinge in unserem Leben, die uns passieren oder äußere Umstände, denen wir uns ausgeliefert fühlen, an denen wir nichts ändern können. Wir müssen die Situation so nehmen wie sie in dem Moment ist. Aber sind wir einer solchen vermeintlich ausweglosen Situation wirklich hilflos ausgeliefert?

Viktor Frankl beschreibt in seinem Buch Trotzdem Ja zum Leben sagen die letzte menschliche Freiheit als die, sich zu den gegebenen Verhältnissen so oder so einzustellen. Frankl wusste als KZ-Überlebender, wovon er sprach. Wenn wir uns nicht von unseren Gedankenschleifen und den darauffolgenden Emotionen davontragen lassen, sondern geistig klar und wach im Moment bleiben, haben wir immer die Wahl, wie wir auf die Situation, in der wir uns befinden, reagieren.

Krisen kann man durchstehen, Resilienz entwickeln, indem man das Wissen darum, dass alles vorübergehend und konditioniert ist, in sich etabliert und eine klare Sicht auf die Dinge behält, in dem Glauben daran, dass wir die Kraft in uns haben, Krisen zu überwinden. In jedem Moment einer Krise haben wir die Wahl, wie wir damit umgehen, wie wir reagieren und uns zu den gegebenen Umständen einstellen, wenn wir achtsam sind.

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Solide wie ein Baum: Innere Ruhe und Vertrauen in den Lauf der Dinge. Bildnachweis: Shutterstock/Grisha Bruev

Vertrauen in den Lauf der Dinge

Achten Sie bei Ihrem nächsten Spaziergang einmal bewusst auf die Bäume am Wegrand. Manche stehen dort schon 100 Jahre oder sind noch älter. Was auch immer um sie herum geschieht, sie stehen einfach da, tief verwurzelt und strecken ihre Zweige hoch in den Himmel. Sie verlieren im Herbst ihre Blätter und bleiben regungslos, vertrauen sich dem Lauf der Dinge an. Die verlorenen Blätter gehen in den Kreislauf der Natur ein und im Frühling erwachen die Knospen zu neuem Leben und der Baum erstrahlt in frischem Grün.

Den Wandel, der sich in der Natur vollzieht und die Anpassungsfähigkeit der Tiere und Pflanzen bewusst zu beobachten, lässt auch in uns Vertrauen und das Gefühl der Verbundenheit wachsen. Das feste Wurzelwerk der Bäume steht für Standfestigkeit und Urvertrauen, die Zweige, die sich der Sonne entgegenrecken für Hoffnung, Licht und Wachstum.

Titelbild von "Finde den Tempel in dir"
Titel Achtsamkeit
Titelbild "Der kleine Achtsamkeitscoach"
Close-up von Buddha-Statue
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